Teherans Spiel mit dem Feuer
Arm ab: Eine Frau geht in Teheran an einem Anti-US-Wandgemälde vorbei, das sich nahe der früheren US-Botschaft befindet. © Abedin Taherkenareh/EPA
Washington – „Ich denke, es ist vorbei“, sagte der US-Präsident am Rande des Nato-Gipfels in Ankara. Er wolle nichts mehr mit den Iranern zu tun haben, sie seien „Abschaum“. Donald Trumps Tirade wurde weithin als Aufkündigung des Rahmenabkommens mit Teheran verstanden. Kurz zuvor hatten die wechselseitigen Bombardements wieder begonnen. Auch gestern griffen die USA an, der Iran attackierte dafür Ziele in den benachbarten Golfstaaten.
Ausgangspunkt der neuen Eskalation waren wohl iranische Angriffe auf Handelsschiffe in der Straße von Hormus. Experten sehen dahinter ein hochriskantes Kalkül: Teheran wolle seine Abschreckung stärken, ohne einen neuen umfassenden Krieg mit den USA auszulösen. Die dortige Führung setzt demnach darauf, dass Trump trotz seiner Drohungen vor einer weiteren Eskalation zurückschreckt – wegen womöglich weiter steigender Ölpreise und wegen der anstehenden US-Kongresswahlen im Herbst.
Seit dem am 28. Februar von den USA und Israel begonnenen Krieg hat der Iran vor allem eines gelernt: Sein wichtigstes Druckmittel ist die Straße von Hormus, durch die rund ein Fünftel des weltweiten Öls transportiert wird. „Sie wollen, dass anerkannt wird, dass der Iran im Grunde die Kontrolle über die Straße von Hormus hat“, sagt Alex Vatanka von der US-Denkfabrik Middle East Institute. Der Umgang mit der Meerenge sei Teherans Druckmittel gegenüber den USA und dem Westen und habe die Strategie ersetzt, Uran immer stärker anzureichern. „Im Kern glauben sie, dass die Zeit auf ihrer Seite ist“, sagt Vatanka. „Sie können mehr aushalten als die Amerikaner und die Golfstaaten, und darauf setzen sie.“
Trump hatte am 8. April eine Waffenruhe mit dem Iran verkündet – zum Ärger Israels. Zugleich stiegen die Ölpreise, während die USA Schwierigkeiten hatten, iranische Kräfte aus der Gegend rund um die Meerenge von Hormus zu verdrängen. In einem am 17. Juni mit den USA unterzeichneten Memorandum sagte der Iran zu, die Durchfahrt von Schiffen zu ermöglichen. Teheran wolle aber zugleich deutlich machen, dass es die Kontrolle ausübe, sagt Negar Mortazavi vom Center for International Policy.
„Der Iran versucht, einen weiteren umfassenden Krieg zu vermeiden“, sagt Mortazavi. „Aber er glaubt auch, dass es Risiken birgt, nicht zu reagieren, weil dies Schwäche zeigen und weiteren Druck hervorrufen würde.“ Teherans Kalkül sei, dass „begrenzte Eskalation“ Abschreckung wiederherstellen könne, ohne die Schwelle zu einem großen Krieg zu überschreiten. Die Strategie ist aber voller Risiken. Der unberechenbare Trump könnte etwa Israel neue Angriffe erlauben.
Besonders betroffen sind die ölreichen Golfmonarchien. Seit Mittwoch griff der Iran etwa US-Basen in Bahrain und Kuwait an. „Teheran betrachtet diese beiden Staaten als die am leichtesten zugänglichen und am wenigsten riskanten Druckpunkte im Golf“, sagt Hamad Althunayyan, Politologe an der Universität Kuwait. Dies ermögliche es dem Iran, Stärke zu zeigen, Kosten aufzuerlegen und die Entschlossenheit der USA und des Golf-Kooperationsrats zu testen.
Laut dem gut informierten Portal „Axios“ bereitet sich das Weiße Haus auf eine mehrwöchige Auseinandersetzung um die Straße von Hormus vor. Ali Vaez, Iran-Direktor der International Crisis Group, glaubt trotzdem nicht an einen neuen umfassenden Krieg. Trumps Rhetorik sei „wie üblich übertrieben“, sagt Vaez. Für den Iran sei die Kontrolle über die Straße von Hormus „die wichtigste Errungenschaft“, die er in diesem Krieg erreicht habe. „Sie werden sie nicht hergeben.“AFP