„Diese Politik braucht eine Therapie“: Gegen Warkens Reform der Psychotherapie regt sich Widerstand. © Charisius/Schu/dpa
München/Berlin – Nina Warken (CDU) hat fünf Tage vor der Bundestags- und Bundesrats-Abstimmung über die Gesundheitsreform noch weitere Kürzungen in das Paket eingebaut. Der Aufschrei dagegen ist groß, denn die Kritiker der Reformpläne befürchten, dass dadurch die ohnehin schon unzureichende Versorgung mit Psychotherapieplätzen dramatisch verschlechtert wird.
Denn mit den Änderungen sollen für die Psychotherapeuten-Vergütung dieselben Regeln wie für Ärzte gelten. Das heißt: Die Honorare werden nach oben gekappt. Seit 1999 gilt für Psychotherapeuten aber eine Sonderregelung, die berücksichtigt, dass Therapeuten einzig mit Gesprächen arbeiten und Geld verdienen können. „Anders als in anderen medizinischen Fachgebieten können Psychotherapeuten nicht einfach mehr Leistungen in derselben Zeit erbringen, um sinkende Honorare auszugleichen“, erklärt Enno Maaß, Chef der Deutschen Psychotherapeutischen Vereinigung.
Psychotherapie werde „faktisch kaputt gemacht“, kritisiert der Vorsitzende des Deutschen Psychotherapeuten Netzwerks, Dieter Adler. „Wenn der Beruf wirtschaftlich derart unberechenbar gemacht wird, werden Praxen ihre Kassenplätze reduzieren, auf Privatbehandlung ausweichen oder ganz aus der Versorgung aussteigen. Dann wird Psychotherapie für viele Menschen wieder zu dem, was sie vor Jahrzehnten war: eine Hilfe für diejenigen, die sie sich leisten können“, warnte Adler.
Die Sorge, als Kassenpatient künftig noch schwerer an einen Therapieplatz zu gelangen, treibt viele um: Binnen nur drei Tagen unterschrieben mehr als eine halbe Million Menschen die Petition gegen die Last-Minute-Änderungen. In der Petition, die sich an die Unions- und SPD-Bundestagsabgeordneten wendet, wird den Abgeordneten die Frage gestellt, ob sie zurück in eine Welt wollen, „in der psychische Normabweichungen primär als Absatzmarkt der Pharmaindustrie gelten – trotz erschreckend geringer Effekte, trotz selten offen ausgesprochener Nebenwirkungen“.
Unions-Gesundheitsexpertin Simone Borchardt verteidigt die geplanten Änderungen: Es gehe schlicht darum, die Psychotherapie „wieder in die allgemeinen Finanzierungsstrukturen der vertragsärztlichen Versorgung einzuordnen“.
Es ist nicht der erste Einschnitt, den Schwarz-Rot den Psychotherapeuten zumutet: Am 1. April 2026 wurde eine Absenkung der Vergütung für psychotherapeutische Therapiestunden um viereinhalb Prozent verfügt. Diese Kürzung stoppte das Landessozialgericht Berlin-Brandenburg am Donnerstagabend mit einer einstweiligen Verfügung: Das Landessozialgericht sieht demnach eine Verzerrung der für die Kürzung der Vergütung zugrunde gelegten Zahlen. Diese basiere auf der Annahme, dass der für eine voll ausgelastete psychotherapeutische Praxis erzielbare Umsatz im Jahre 2026 deutlich höher liege als der Umsatz einer typischen fachärztlichen Praxis. Allerdings seien für die Fachärzte Abrechnungszahlen des Jahres 2024 zugrunde gelegt worden, für eine psychotherapeutische Praxis hingegen Zahlen für 2026. Wann über die Klage der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, die auch die Psychotherapeuten vertritt, in der Hauptsache entschieden wird, ist noch offen.