Wetten, dass auch heute in keinem Bericht über die Sommer-Pressekonferenz des Kanzlers der Hinweis auf dessen unterirdisch schlechten Beliebtheitswerte fehlen wird? Es ist ein deutscher Volkssport geworden, sich über Friedrich Merz zu erregen oder sich wahlweise über ihn lustig zu machen oder sich mindestens an der Not von CDU und CSU zu erfreuen. Und gleichzeitig stimmt in Sachsen-Anhalt der Co-Chef der laut Umfragen aktuell stärksten deutschen Partei, Tino Chrupalla, mit hunderten AfDlern in die DDR-Hymne „Auferstanden aus Ruinen“ mit ein. Kleines Späßle, heißt es dann auf verwunderte Nachfragen. Na dann.
Lustig ist der Vorfall genauso wenig wie die auch auf dieser Wahlveranstaltung vorangegangene Katzbuckelei gegenüber Putins Russland. Die fatale Schwäche für Autokraten und die tief sitzende Verachtung des liberalen Westens und seiner Werte gehören zur DNA der „Alternative“, die sich damit in bester DDR-Tradition befindet. Zugleich liefern sich in NRW verfeindete AfD-Lager stundenlange Abstimmungsschlachten um Landtagslistenplätze, bis die besorgte Bundesspitze eingreifen und um mehr Professionalität bitten muss. Dass eine solche Partei sich heute auch in Westdeutschland Hoffnungen machen darf, die Union in nicht zu ferner Zukunft als bestimmende zu überholen, zeigt, wie sehr die Maßstäbe verrutscht sind.
Es stimmt, die politische Mitte und diese Bundesregierung haben lange kein gutes Bild abgegeben. Aber worauf sich Union und SPD in den vergangenen Wochen verständigt haben – bei der Rente, der Gesundheit, der Deregulierung des gefesselten Arbeitsmarkts, der Grundsicherung und dem Bürokratieabbau – ist nicht nichts. Im besten Fall ist es der Beginn einer Trendumkehr, in jedem Fall aber der falsche Moment, um Deutschland radikalen Kräften auszuliefern, von denen keiner weiß, wohin sie das Land in Wahrheit führen wollen. Womöglich direkt in die Arme Putins.GEORG.ANASTASIADIS@OVB.NET