Erst dienen, dann verweigern

von Redaktion

Eine starke Truppe? Nicht jeder junge Mann möchte ihr angehören. Oben: Anwalt Thomas Bayer. © Heese/epd

München – In die Kanzlei von Thomas Bayer kommen viele junge Menschen, und es werden immer mehr. Die Expertise des Würzburger Juristen umfasst auch Fragen des Wehrrechts, ein Thema, das wichtiger wird. Wer zu Bayer kommt, will den Wehrdienst verweigern. Dass die Wehrpflicht seit 2011 ausgesetzt ist, spielt für seine Mandanten keine Rolle: „Bei dem Thema war jahrelang Ruhe, aber jetzt geht’s wieder los.“

Die zunehmende Verweigerungshaltung unter Ungedienten kommt nicht überraschend. Sie setzte ein mit dem Ukraine-Krieg. 2022, im ersten Kriegsjahr, verfünffachten sich die Zahlen fast auf 951 Anträge (2021: 201), inzwischen liegen sie bei 5862 – nur im ersten Halbjahr. Der Gedanke, im Falle einer Eskalation selbst zur Waffe greifen zu müssen, treibt junge Menschen um. Die Gesetzesänderungen und der Fragebogen, der von jungen Männern ausgefüllt werden muss, beschleunigen den Trend noch.

Bemerkenswerter ist eine andere Entwicklung. Seit 2024 gliedert die Bundesagentur für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) die Anträge auf Verweigerung auf: in Ungediente, Reservisten und aktive Soldaten. Auch bei Letzteren gibt es eine Tendenz. 2024 stellten in den sieben Monaten zwischen Anfang Juni und Ende Dezember insgesamt 80 Aktive einen Antrag auf Verweigerung. Im gesamten Jahr 2025 waren es schon 170, im ersten Halbjahr nun 89.

Wer sich beruflich für den Dienst an der Waffe entscheidet, der weiß nach ein paar Jahren, womit er es zu tun hat – sollte man meinen. Aber so einfach ist das nicht, sagt Bayer (57), früher Zeitsoldat und heute Reserveoffizier. In seinen fast acht Monaten in Afghanistan traf er Leute, die so lange unerschütterlich wirkten, bis sie es plötzlich nicht mehr waren. Bei einem Fahrer in Mazar-i-Sharif löste etwa ein Einsatz, auf dem er mehrere Leichen sah, eine Posttraumatische Belastungsstörung aus. Die Ursache kann aber auch ganz woanders liegen, weiß Bayer: „Der Selbstmord des Opas, die Geburt des Kindes.“ Plötzlich wird der Griff zur Waffe unerträglich oder der Sinn des militärisch geprägten Lebens infrage gestellt.

Oder aber der Prozess verläuft schleichend, scheinbar ohne Anlass, aber unaufhaltsam. Die Bundeswehr ist viele Jahre von der Politik wenig pfleglich behandelt worden, erinnert Bayer. Es gebe genug Soldaten, die die Armee nicht mehr als „ihre“ Truppe empfinden.

Dass diese Soldaten, immerhin eine dreistellige Zahl im Jahr, irgendwann gehen, findet er eher richtig. Sie könnten sonst ein Sicherheitsrisiko darstellen, argumentiert er, wenn sie Probleme hätten, den Abzug zu betätigen. „Man braucht keine Leute, auf die man sich nicht verlassen kann.“ In der Offiziersausbildung hat er gelernt, dass im absoluten Ernstfall ohnehin nur 15 Prozent die Nerven bewahren. „Der Rest schießt blindlings ins Blaue.“

Weniger Bewegung gibt es in der Gruppe der Reservisten. 2025 stellten 1690 einen Antrag auf nachträgliche Verweigerung, dieses Jahr sind es bisher 711. Die Zahlen seien „kein Grund zur Sorge“, sagt ein Sprecher des Reservistenverbandes. Aufgrund der „veränderten Sicherheitslage“ stelle sich mancher die Frage, was er zur Verteidigungsfähigkeit noch beitragen solle. „Das ist natürlich und sollte in einer demokratischen Gesellschaft nicht problematisiert werden.“

Ob das neue Reservestärkungsgesetz, das zur Wehrübung verpflichtet und die doppelte Freiwilligkeit für Arbeitgeber und -nehmer aufhebt, Einfluss auf die Zahlen haben wird? Bayer, Hauptmann der Reserve, glaubt es nicht. Reservisten würden da ganz pragmatisch denken: „Immer noch besser, in einem Krieg ausgerüstet und bewaffnet zu sein, als ohne Waffe dazustehen.“

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