Geschasst: Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow, hier mit dem deutschen Kollegen Boris Pistorius. © dpa
Kyjiw – Wut, Ungläubigkeit und Entschlossenheit – diese Stimmung dominierte am Donnerstag vor dem Iwan-Franko-Theater in Kyjiw. Fast genau ein Jahr nach den letzten großen Demonstrationen hat die überraschende Entlassung von Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow erneut Hunderte Menschen zu Protesten auf die Straßen Kiews gebracht. Unweit des Präsidentenpalastes machen die „Menschen mit den Pappschildern“, wie sich die Protestbewegung selbst nennt, ihrem Ärger Luft.
Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte Anfang der Woche überraschend Ministerpräsidentin Julija Swyrydenko entlassen. Am Mittwochabend folgte dann die Bestätigung: Auch Fedorow muss seinen Posten nur sechs Monate nach seinem Amtsantritt räumen. Für viele Ukrainer ist die Personalentscheidung die umstrittenste des Präsidenten seit Beginn der russischen Invasion.
Kurz nach Bekanntgabe rollte eine erste Protestwelle durch die sozialen Medien. Soldaten, Freiwillige und Personen des öffentlichen Lebens äußerten Unverständnis und Sorgen über die Zukunft des Landes. Allen voran jedoch viel Zuspruch für den abgesägten Verteidigungsminister, seine Erfolge und die begonnenen Reformen. Als Grund für die Entlassung nannte Selenskyj, dass er nicht zwischen dem 60-jährigen Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Ukraine, Oleksandr Syrskyj, und dem Verteidigungsminister wählen könne. Schon länger war bekannt, dass Syrskyj und Fedorow sich über die nötigen Reformen innerhalb der Streitkräfte uneinig waren.
Fedorow, der in Verteidigungskreisen einfach „Mischa” genannt wird, veröffentlichte kurz darauf selbst eine Liste der Reformen und Projekte, die er in sechs Monaten umgesetzt hatte, darunter die Abschaltung von Starlink auf russischer Seite, die der Ukraine zu einem wesentlichen Frontvorteil verholfen hatte. Aber auch der Ausbau des Drohnensektors, die Kooperationen mit Partnern und erfolgreichen Schläge, die der Ukraine erst zu ihrem derzeitigen Erfolg verholfen haben.
Während in Kiew, Odesa, Lviv, Kharkiv und andernorts die Proteste laufen, reichen erste Militärs ihre Kündigung ein: Der Vizekommander der Luftwaffe, Colonel Pawlo Yelisarow, warnte in seinem Kündigungsschreiben, dass die Absetzung Fedorows, zu dessen Hauptaufgaben die Reform der Luftabwehr galt, zu mehr Opfern und Zerstörung durch russische Raketen- und Drohnenangriffe führen würde.
Fedorow selbst sagt, dass er einer der letzten, „oder wahrscheinlich der einzige“ im inneren Kreis der Präsidenten gewesen sei, der „ihn schätzte, nie enttäuschte und nie Intrigen gegen ihn“ gesponnen habe. Es ist das erste Mal, dass ein Mitglied aus seinem Kabinett auf offenen Konfrontationskurs mit Selenskyj geht. Ein Schritt, der als Herausforderung Selenskyjs gelesen werden kann.KRISTINA THOMAS