WIE ICH ES SEHE

Läuft China in die Thukydides-Falle?

von Redaktion

Früher gab es den Spruch: „Optimisten lernen Russisch – Pessimisten müssen Chinesisch lernen.“ Damit meinte man, russische Herrschaft über Europa ist schlimm, aber unter China wäre es noch schlimmer. Heute macht es keinen großen Unterschied mehr, denn China und Russland haben sich gemeinsam verschworen gegen den Westen.

Da ist Putins Krieg in der Ukraine und all seine Bemühungen, Westeuropa zu schwächen. Glaubt wirklich jemand, Putin habe diesen Krieg angefangen ohne Rückendeckung von Peking? China hält fest an der Bedrohung von Taiwan und testet aktuell schon mal einen Ring von Seekontrollen um die Insel herum. Schiffe, die dort von der China abgewandten Seite aus einlaufen wollen, werden aufgefordert, ihre Herkunft, ihre Ladung und den Zielhafen anzugeben. China hat ein Militärbündnis geschmiedet mit Russland als Juniorpartner, der abhängig ist von dem Reich des Drachen. Russische Truppen und Kriegstechniker werden in China ausgebildet.

Die USA haben die jetzt bedrohte Weltordnung nach 1945 geschaffen. Militärisch und wirtschaftlich ist Washington immer noch mächtig, aber die irrlichternde Außenpolitik unter Trump öffnet für den großen chinesischen Plan, das alles umzustoßen, vermeintlich ein Fenster der Gelegenheit. Der Staatsbesuch von Trump in China war so etwas wie eine von gespielten Höflichkeiten begleitete Muppet Show. Als aber kurz danach Putin in Peking war, da ging es zur Sache. Die Angriffe auf die Ukraine und vielleicht bald auch Provokationen auf Nato-Gebiet sollen die USA in Schach halten, während China anfängt, Taiwan zu umzingeln. China und Russland sehen Gelegenheiten, die es in 80 Jahren nicht gab. Und sie sagen es offen. Das muss man ihnen zugutehalten. Aber es hört ihnen kaum jemand zu im Westen, denn wir wollen Frieden, und schlechte Nachrichten will niemand hören.

China will eine Welt, in der Begriffe, die der Westen hochhält wie Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Freiheit und Bürgerrechte keine Rolle mehr spielen. Hier könnte sich wiederholen, was vor über 2000 Jahren zuerst der Historiker Thukydides in seiner Geschichte des Krieges zwischen der aufstrebenden neuen Macht Athen gegen die etablierte alte Macht Sparta als typisches Muster beschrieben hat. Danach muss eine aufsteigende Macht irgendwann in den Krieg ziehen gegen die alte Großmacht im Niedergang. So war 1914 das deutsche Kaiserreich militärisch und wirtschaftlich rasant aufgestiegen gegenüber England mit seinem überdehnten Weltreich. Früher oder später musste es zum Konflikt zwischen den beiden kommen.

Jede historische Situation ist besonders – aber das Grundmuster dieses Konfliktes zieht sich durch die ganze Weltgeschichte. Es wird auch heute wieder diskutiert als die sogenannte „Thukydides-Falle“. Die autokratischen Herrscher in China, in Moskau und dazu in Nordkorea, blicken verächtlich auf den von ihnen als dekadent angesehenen Westen. Mit zunehmenden Provokationen um Taiwan und auch auf Nato-Gebiet müssen wir rechnen. Das wird der Test, ob unsere freiheitlich organisierten Länder wirklich so schwach sind, wie deren Verächter meinen.

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