„Lange gerungen, zerrissen gewesen“: Die Familienväter Jens Spahn (r.) und Daniel Funke. © Annette Riedl
München – Die ehemalige FDP-Abgeordnete Katrin Helling-Plahr, Anwältin und Mutter von drei Söhnen, hatten die meisten Deutschen schon vergessen. Doch dieser Tage rückt eine Bundestags-Anfrage der heute 40-Jährigen unvermittelt in die Schlagzeilen. Die Liberale hatte 2020 gefordert, nichtkommerzielle Leihmutterschaft zuzulassen. Doch der damalige Gesundheitsminister, ein CDU-Mann namens Jens Spahn, lehnte ab. Bei der Leihmutterschaft seien genetische und austragende Mutter nicht identisch, dozierte das Spahn-Ministerium. Es drohten „besondere Schwierigkeiten bei der Selbstfindung des Kindes“, „negative Auswirkungen auf die Entwicklung“, eine „Gefährdung des Kindeswohles“.
Das kann man so sehen. Doch der Jens Spahn 2026 sieht es offenbar anders als der Spahn 2020. Er hat mit seinem Mann Daniel Funke eine Leihmutter in den USA beauftragt. Darf man privat Gesetze umgehen, die man politisch verteidigt? Damit bringt Familienvater Spahn seine Parteienfamilie in Nöte. Gesellschaftspolitisch sind fast alle Unionsleute inzwischen offen, fernab jeder Homophobie. Familie gründen, da, wo Liebe ist – für viele ein urkonservativer Wert, ein Glück. Aber gesetzestreu sein, sich nicht im Ausland erkaufen, was hierzulande verboten ist, das verlangen sie von ihrem Führungspersonal auch zwingend.
„Ich respektiere eine private Entscheidung“, er gratuliere Spahn und Funke zur Geburt ihres Sohnes Georg, sagt beispielsweise der bayerische CSU-Fraktionschef Klaus Holetschek. Und schiebt gleich nach: „Aber politisch bleibt unsere Linie klar: Was in Deutschland verboten ist, bleibt verboten – und daran werden wir nicht rütteln.“ Wer Verbote umgehen will, muss also ins Ausland reisen. Dann aber herzlichen Glückwunsch!
In der Union ist die Aufregung groß, und auch der Ärger, just zum Start der Sommerpause wieder mit einem Nebenthema in den Schlagzeilen zu landen. Aus CDU wie CSU wird berichtet, dass die Causa Spahn die Basis sehr bewege.
Ob er das Ausmaß des Ärgers rechtzeitig mitbekommen hat, ist unklar – Spahn ist derzeit noch in den USA. Am Nachmittag erst meldet er sich von dort zu Wort, im „Ronzheimer“-Podcast. Er habe „lange gerungen“, sagt er, sei „zerrissen gewesen“. „Reine Lehre und echtes Leben“ hätten „manchmal kein Schwarz/Weiß“, sagt er. Die Leihmutter, per Agentur gefunden, sei aber „finanziell unabhängig und in einer gefestigten Situation“; er könne das „gut verantworten“ und habe nicht gegen deutsches Recht gehandelt. Die konkrete Antwort seines Ministeriums 2020 habe er übrigens nicht gekannt.
Reicht das? Es ist nicht das erste Mal, dass Spahn die Union mit einer Regelauslegung in Bedrängnis bringt. „Der saubere Herr Spahn. Und seine dunkle Seite“, überschrieb der „Spiegel“ im Dezember 2025 ein großes Porträt: „Kaum einer ist politisch talentierter. Aber auch keiner scheint so windig.“ Das Magazin listete diverse Freundschaftsdienste und Interessenkonflikte auf. Vor allem der Maskenkauf während Corona verfolgt ihn, 5,9 Milliarden Euro für Masken, die großteils später vernichtet werden mussten. Und ein Großauftrag an ein Logistikunternehmen aus seiner Heimat Münster. Dann wäre da noch der Immobilienkauf 2020, eine Berliner Luxusvilla für rund 4,125 Millionen Euro – der Kredit kam wohl überwiegend von der Sparkasse Westmünsterland, deren Verwaltungsrat Spahn bis 2015 war.
Spahn will sich nun der Debatte stellen. Er akzeptiere die Beschlusslage der CDU gegen die Leihmutterschaft, sagt er. Und zu den Rücktrittsforderungen aus der eigenen Partei? „Ich werde die Frage, wie es weitergeht, im September mit der Fraktion erörtern. Und das in ihre Verantwortung legen.“