Plötzlich Chef von allen: Alexander Hoffmann (CSU) führt vorerst die Gesamtfraktion. © Kay Nietfeld/dpa
Würzburg/München – Er hat‘s wohl dunkel geahnt, irgendwas passiert ja immer. Die Urlaubsplanung für Familie Hoffmann im Sommer ist kleiner angelegt: im Juli ganz daheimbleiben, erst später im August in die Sonne fahren, auch nur per Auto, sodass im Notfall in wenigen Stunden wieder Deutschland erreicht ist. Alexander Hoffmann, 51, hatte da den richtigen Riecher: Seit dem Wochenende steht er unverschuldet im Mittelpunkt des Berliner Tornados.
Der CSU-Politiker ist schlagartig zum Chef der Unionsfraktion aufgestiegen, ohne sein Zutun. Mit dem Rücktritt von Jens Spahn muss nämlich der Vorsitzende der CSU-Landesgruppe automatisch die Gesamtfraktion anführen, eine Interimslösung. In diesem Fall kein Grüßaugust-Pösterl, sondern ein Amt im Sturm.
Hoffmann muss eine aufgewühlte Fraktion zusammenhalten. Der große Teil der Abgeordneten ist stocksauer auf Spahn und dessen Umgehung deutschen Rechts. Ein kleiner Teil ist wütend über den Umgang mit Spahn und wirft seinen Parteifreunden Heuchelei und Doppelmoral vor. Der Interims-Chef soll den Zorn dämpfen, irgendwie Ruhe reinbringen. Gleichzeitig muss er in den nächsten ein, zwei Wochen bei der Nachfolgesuche so mitreden, dass sich die Fraktion nicht übergangen fühlt, wenn CDU-Chef Friedrich Merz einen Vorschlag nennt.
Und dann wären da ja auch die inhaltlichen Probleme. Offiziell mag Sommerpause sein, aber einige Fachabgeordnete brüten in genau diesen Wochen über mindestens zwei Megathemen: den neuen Haushalt und die bisher weitgehend unklare, hochexplosive Pflegereform, die bald ins Kabinett soll.
Ob er sich den Sommer so erwartet habe? Hoffmann lacht kurz. „Nein, das habe ich mir nicht so vorgestellt.“ Alle hätten heuer zusammengeholfen, um stärker in den Sommer zu starten als letztes Jahr. Und nun eben: die nächste Aufregung.
Was Hoffmann helfen dürfte: Der Franke, Wahlkreis Main-Spessart, ist fest verankert in seiner CSU (hat auch Söders Vertrauen) und ist respektiert im viel größeren CDU-Teil der Fraktion. Er gilt als Teamspieler, oft eher geräuschlos als lautstark, Vieltelefonierer, organisationserfahren. Mit Spahn verband ihn ein persönliches, echtes Vertrauen. Keine Sticheleien, keine Rivalität. Man darf davon ausgehen, dass beide auch in dieser Krise täglich telefonierten.
Der „Stern“ betitelte den noch wenig bekannten Hoffmann neulich schon als „Senkrechtstarter“; sehr freundlich, das war nach seiner ersten (erfolgreichen) Seeon-Klausur im Januar. Auch als „Stabilitätsanker der Koalition“ wird er beschrieben, was ein Kompliment ist, auch wenn’s die „taz“ schrieb. Als Dauer-Chef der Fraktion kommt Hoffmann dabei nicht infrage, der Posten geht immer an die CDU – umso ehrlicher kann er die Fraktionsinteressen bei der Chefsuche artikulieren. Die Gespräche laufen: gestern und heute Schaltkonferenz der Fraktionsführung.
Im August, spätestens, wird eine Videokonferenz der Fraktion folgen. „Wir bleiben entscheidungs- handlungs- und sprachfähig“, sagt er. Per ausführlichen Rund-SMS an alle Abgeordneten kümmert sich Hoffmann derweil darum, die Kollegen auf dem Laufenden zu halten. Es waren ja nicht alle so weitsichtig wie er und sind im Sommer in Rufweite geblieben.