Einsicht sieht anders aus: Jens Spahn ist richtigerweise von seinem Amt zurückgetreten. Nicht aber aus der inneren Erkenntnis, dass ein Spitzenpolitiker der Legislative nicht gleichzeitig Gesetze vertreten kann, wenn er sie als Privatperson umgeht. Er berief sich – ausgerechnet bei diesem Thema – auch noch auf das Christentum! Er kenne es „als Christ“, dass „das eine die reine Lehre ist und das andere das echte Leben“. Ein irritierend laxes Verhältnis zu deutschen Gesetzen, erst recht für einen Politiker. Auch nach Beichte war dem Katholiken offenbar nicht zumute. Stattdessen sieht sich Spahn als Opfer, das es nicht versäumt, die „zunehmende Unerbittlichkeit in der öffentlichen Auseinandersetzung“ zu kritisieren.
Jetzt ist Spahn erst einmal Geschichte – und für Friedrich Merz ist das Problem und Chance zugleich. Ein Problem, weil die Regierung in den vergangenen Wochen zum ersten Mal Tritt zu fassen schien, was auch mit Spahn selbst zu tun hatte. So unglücklich der Start des Fraktionschefs auch war (Frauke Brosius-Gersdorf!), so sehr hatte er seine Verdienste daran, dass es bei den Reformen zuletzt voranging. Spahn fand einen Draht zum SPD-Kollegen Matthias Miersch. Gemeinsam gelang es ihnen, in der sogenannten Sherpa-Runde Kompromisse zu erzielen und den Eindruck des Dauerstreits zwischen Schwarz und Rot zu beenden.
Dennoch reagierte Merz am Sonntag im ZDF-Sommerinterview auf eine entsprechende Frage fast schon gelöst. Mit einem freudigen Lächeln verkündete der Kanzler, er könnte die Gelegenheit für einen größeren Umbau nutzen. Persönlich dürfte er Spahn nicht nachtrauern, das Verhältnis der beiden war schon immer von Misstrauen geprägt. Vieles spricht dafür, dass Merz mit Thorsten Frei nun einen engen Vertrauten in der Fraktion installiert und gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlägt. Frei, einst Parlamentarischer Geschäftsführer der Fraktion, ist bei den Abgeordneten sehr beliebt, agierte als Kanzleramtschef bislang aber eher unglücklich. Dort könnte Merz nun einen Neuanfang wagen, womöglich mit einer Frau. Dann könnte er in einem Zug auch noch das Missverständnis mit Katherina Reiche im Wirtschaftsministerium beenden und sie durch Carsten Linnemann ersetzen. Ausnahmsweise gäbe es da mal Beifall für Merz.
Der Kanzler hat eine rasche Entscheidung in der Fraktionsfrage angekündigt. Dabei tagt der Bundestag erst wieder in sieben Wochen. Ein weiterer Beleg dafür, dass die parlamentarische Monsterpause nicht mehr zeitgemäß ist.