Magyars erste Schlappe

von Redaktion

Ungarns Premier Peter Magyar dachte, er habe die richtige Kandidatin für das Präsidentenamt gefunden. Doch Schach-Großmeisterin Judit Polgár (r.) sagte ab. © Savas/epa, Hao/dpa

Budapest – Die Absage ist weder forsch noch voreilig, sie zeugt eher von Demut. Trotz breiter Unterstützung habe sie nicht die Kraft, „die historische Verantwortung zu übernehmen, eine gespaltene Nation zu einen“, ließ Judit Polgár am Montagabend wissen. Die Schach-Großmeisterin war als nächste Präsidentin Ungarns gehandelt worden, der noch neue Premier Peter Magyar hatte sie nominiert. Und nun das.

Für Magyar ist die Absage eine doppelte Niederlage. Zum einen, weil damit seine Favoritin aus dem Rennen ist: Er hatte Polgárs Namen zum Synonym „für Talent und Ausdauer“ erklärt. Zum anderen hinterlässt Magyars euphorische Unterstützung einen bitteren Nachgeschmack, auf den seine Kritiker nur gewartet hatten. Denn: Noch am Samstagabend, wenige Stunden vor seiner Online-Lobrede auf Polgár, hatte der Premier eine breite Bürgerbefragung angekündigt. Die indirekte Wahl des Staatsoberhaupts durch das Parlament sollte zur basisdemokratischen Übung werden. Stattdessen herrscht in Budapest nach dem Rausch jetzt Katerstimmung.

Vorige Woche verabschiedete Magyars Tisza-Partei eine Grundgesetzänderung im Parlament. Wichtigster Punkt: Die Absetzung des umstrittenen Präsidenten Tamás Sulyok – laut Magyar eine von vielen „Marionetten“ der Vorgängerregierung Viktor Orbáns. Sulyok brachte dies in die absurde Situation, mit der Verfassungsänderung seine eigene Entlassung zu unterschreiben, andernfalls hätte ihm eine Amtsenthebung gedroht. Am Samstagabend unterschrieb er zähneknirschend.

Nur Stunden später tauchte ein Brief auf, in dem 16 ungarische Wissenschaftler, Künstler und Athleten Polgárs Namen ins Spiel brachten. Als beste Schachspielerin aller Zeiten habe sie sich als strategische Denkerin erwiesen, auch das nötige Verantwortungsbewusstsein bringe sie mit.

Die Idee gefiel – und löste binnen Stunden eine gewisse Eigendynamik aus. Magyar steckte mit seiner Begeisterung auch Teile seiner Tisza-Fraktion an, deren Vertreter in einer Parlamentsdebatte am Montag Polgárs Nominierung als einzig logischen Zug verteidigten. Auch Schachlegende Garri Kasparow, den Polgár einst im Spiel schlug, bezeichnete sie als „ideale Kandidatin“ für das Amt. Man könne Ungarn nur gratulieren.

Doch auf die Euphorie folgte schnell Kritik. „Wenn eine Bürgerbefragung bei der Tisza so aussieht, dann steht es nicht besonders gut um uns“, kommentierte ein Journalist des Portals 444.hu. Ähnliche Bedenken meldete Amnesty International an. Die Organisation verwies auf die 30-tägige Frist für die Suche nach einem neuen Staatsoberhaupt: „Es gäbe also genügend Zeit, mit mehr Menschen zu sprechen, die verschiedenen Aspekte zu berücksichtigen und anderen zuzuhören.“ Zugleich warnt die NGO Magyar davor, die gleichen Fehler wie sein Vorgänger zu begehen: Die Menschen hätten dessen Methode sattgehabt, „alle anderen Meinungen einfach beiseitezuschieben“. Besonders dramatisch fiel die Kritik des Fidesz aus. Die neue Regierung baue eine Diktatur auf, wetterte ein Vertreter. „Alles andere ist nur eine Show.“

Magyar, der nach Polgárs Absage einen Kommunikationsfehler eingestand, hat sich durch seinen Zug in Bedrängnis gebracht. Von einem Schachmatt ist er dennoch weit entfernt: Laut Umfrage des Instituts IDEA vom Juni zeigten sich 62 Prozent der befragten Ungarn zufrieden mit der bisherigen Leistung der neuen Regierung. Ähnliches berichtete vor Kurzem der Budapester Politikprofessor Zoltán Balázs: „Die Tisza erfreut sich wahnsinnig großer Beliebtheit und reagiert bemerkenswerterweise weiterhin auf Kritik: Mehrere Neubesetzungen oder Nominierungen wurden aufgrund solcher Bedenken zurückgezogen.“

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