Angriffslustig: Erwin Huber 2004, damals Verwaltungsreform-Minister. © Sigi Jantz
München – Es sind drei Worte, sie haben Erwin Huber durch sein Leben begleitet. „Rumpeln muss es“, forderte der einst junge Politiker. Er war damals Generalsekretär, seine Formel schildert, dass seine CSU niemals Erfolg als still vor sich hinmümmelnde Partei haben wird, sondern von Bewegung, Fortschritt, Konfrontation lebt. Er hat das Motto gleich selber beherzigt. Wo Huber ist, wird‘s selten langweilig. Der Rumpler aus Reisbach wird nun am Sonntag 80. Und noch lange nicht apathisch.
„Man muss es gelegentlich rumpeln lassen“, sagt er heute munter. Das sei ja „kein Blitzeinschlag, sondern nur eine Drohgebärde des Gewitters“. Meteorologisch korrekt, und es klingt fast philosophisch. Ja, auch das passt zu ihm.
Nichtbayern mögen im Niederbayern einen bierdimpfeligen Prototyp ihres CSU-Feindbilds sehen. Sein Leben ist ungleich vielschichtiger, fast Musterfall des bayerischen Aufstiegsversprechens. Der Sohn einer alleinerziehenden Landarbeiterin wuchs in ärmstem Umfeld einer damals benachteiligten Region auf. Er rackerte sich hoch, mit Ehrgeiz. Realschule, Finanzinspektor, Jahrgangsbester 1968 mit Note 1,1. Abi holte er 1973 am Abendgymnasium nach.
Dann Politik. 1978 errang Huber das Landtagsmandat in Dingolfing, direkt natürlich, und hielt es vier Jahrzehnte. Es begann eine spektakuläre Polit-Karriere, über Parteiämter zum Minister in der Staatskanzlei, dann für Finanzen, Wirtschaft. Immer als Vertrauter von Edmund Stoiber, bereit, Unpopuläres durchzudrücken wie die Sparbeschlüsse ab 2003. „Wer jedermanns Liebling sein will, wird nur jedermanns Depp“, dichtete er frei nach Strauß. An seinem ruppigen Stil damals gibt es einiges zu kritisieren. Rückblickend war das Stoiber-Kabinett – Huber, Faltlhauser, Stewens, Goppel, Stamm, Beckstein, Wiesheu! – aber wohl das stärkste, das Bayern je hatte. Ausgeglichener Haushalt und Hightech-Agenda sind bleibende Verdienste, auch wenn viele Detailreformen wieder zurückgedreht wurden.
Es folgten – Kurzfassung – Bruch, Aufstieg und Sturz. 2007 stellten sich Huber und Beckstein gegen den ausgepowerten Stoiber, teilten seine Ämter auf und scheiterten beide. Heute würde die Fraktion einen CSU-Chef für 43,4 Prozent auf einer Sänfte durchs Maximilianeum tragen, Huber stürzte 2008 über dieses Wahlergebnis. Er erfuhr Härte und Häme in jenen Monaten. Als „Tandem“ wurden Beckstein/Huber veralbert, von Parteifreunden geschmäht als „de zwoa Kurzn“.
Dann aber etwas Besonderes in der Politik: Huber zog sich nicht schmollend zurück, sondern machte weiter. Als einfacher Abgeordneter. Statt im schneeweißen Minister-BMW, Kennzeichen M-HE, sah man ihn im Nieselregen an der Münchner Tramhaltestelle. „Mein Zahnarzt sagt, ich sei indolent“, also schmerzunempfindlich, sagte er damals oft. Huber blieb noch ein Jahrzehnt im Dienst von Stimmkreis und Partei im Landtag, führte den Wirtschaftsausschuss. Es war Anstand, aber auch kontrollierte Entwöhnung von der Droge Politik.
Und heute? Huber hat noch mal etwas Ungewöhnliches getan, im Endlich-Ruhestand ein Philosophie-Studium in München durchgezogen, Abschluss 2024. Er stellte sich den verwunderten jungen Kommilitonen, darunter manche Klimakleber, freundlich als „Erwin“ vor. Und lernte. Mit ihnen. Von ihnen. „So ein Studium weitet den Geist, man wird etwas scharfsinniger, aber auch toleranter“, sagt er heute. Huber, Version 2026, ist zum Beispiel viel offener für eine Kooperation mit den Grünen, trat sogar auf deren Veranstaltungen mal auf. Und lernt weiter. Latein soll bald folgen, die Enkeltochter lernt‘s ja auch, außerdem will er daheim ein VHS-Seminar Philosophie geben.
Was bleibt, immerwährend, ist das belastete Verhältnis zu Vorgängern und Nachfolgern, unter letzteren Horst Seehofer und Markus Söder. Huber tut viel dafür. Immer wieder äußert er sich öffentlich kritisch über Söder: „fehlender Mannschaftsgeist“, zu wenig Inhalt. Über das gefährliche Amtszeitlimit-Volksbegehren der ÖDP sagt Huber beinhart, das habe sich Söder „dummerweise selbst eingebrockt“. Das ist die jüngste Attacke – sicher nicht die letzte. „Der Markus bekommt, was viele nicht bekommen: meinen guten Rat“, sagt er treuherzig. In anderen Worten: Rumpeln muss es.CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER