„Strauß wollte uns radikal ausgrenzen“

von Redaktion

„Wir waren keine Eintagsfliege“: Margarete Bause. © JANTZ

Mit gelben Atommüll-Fässern zur CSU: Bause und Sepp Dürr bei einer Protestaktion. © Grünes Archiv

Die Grünen beim Einzug in den Landtag vor 40 Jahren: Franz Josef Strauß beäugt die neue, komplett unangepasste Fraktion. © Grünes Archiv

München – Vor 40 Jahren schafften es die Grünen zum ersten Mal in den Landtag. Margarete Bause war 1986 schon dabei, führte später viele Jahre die Fraktion. Mit unserer Zeitung spricht sie über verstrahltes Heu, sexistische Anfeindungen und den veränderten Anspruch der Grünen.

Frau Bause, Sie gehörten 1986 zur ersten grünen Landtagsfraktion. Was war das für eine Zeit?

Es war eine Zeit des gesellschaftlichen Aufbruchs. Die politische Situation war festgefahren. Es gab im Landtag nur CSU und SPD. Gleichzeitig engagierten sich immer mehr Menschen in der Ökologiebewegung, der Friedensbewegung, der Frauenbewegung, die sich alle nicht vertreten fühlten. Diese neuen sozialen Bewegungen waren die Quelle für die Entstehung der grünen Partei. Ich selbst kam – aufgewachsen auf einem niederbayerischen Einödhof – als Studentin zur Frauenbewegung und darüber auch zu den Grünen.

Und dann kam die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl.

Die Gefahren der Atomenergie waren zuvor schon ein zentrales Thema der Grünen – besonders in Bayern, wo Franz Josef Strauß auf Biegen und Brechen eine Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf durchsetzen wollte. Tschernobyl hat den Menschen dann die Gefahren der Atomkraft unmittelbar vor Augen geführt. Die Kinder durften nicht mehr in den Sandkasten, frische Milch und Gemüse sollte man plötzlich nicht mehr essen. Für uns war das im Wahlkampf natürlich ein Schub. Im Herbst 1986 sind wir mit 7,5 Prozent erstmals in den Landtag eingezogen.

In der ersten Sitzung kam es direkt zum Skandal. Es ging um Heu.

Ja, für das nach dem Tschernobyl-Regen in Bayern gemähte verstrahlte Heu, aber auch für die gemolkene Milch gab es keine Entsorgungsmöglichkeit. Teils wurde es in Zügen zwischengelagert. Um das zu symbolisieren, haben wir uns etwas von diesem Heu besorgt – natürlich war das nicht so stark verstrahlt, dass es gefährlich gewesen wäre. Wir wollten es den Atompolitikern der CSU bei der ersten Plenarsitzung überreichen.

Aber die Polizei war schneller.

Wir hatten ein paar Päckchen davon, einige wurden konfisziert, aber eines für Strauß konnten wir unter der Kleidung reinschmuggeln. Wir hatten als positives Symbol aber auch Sonnenblumen dabei. Die trafen dann aber auch nicht auf große Gegenliebe (lacht).

Waren Sie eine Krawalltruppe?

Wir haben schon gerne provoziert, uns aber auch sehr ernsthaft mit den Themen auseinandergesetzt. Insgesamt waren wir eine bunte Mischung. Mit August Haußleiter zum Beispiel hatten wir auch einen Mitgründer der CSU in unseren Reihen, der sich mit Strauß zerstritten hatte. Oder den Chemiker und Universitätsprofessor Armin Weiß, der in Nuklearfragen eine Koryphäe war. Die Aufbruchstimmung hat uns verbunden – und natürlich die massiven Angriffe von außen.

Von wem kamen die?

Vor allem von der CSU. Strauß erließ einen Bann gegen uns. Wir wurden nicht zu staatlichen Veranstaltungen eingeladen, Beamte der Ministerien durften nicht zu uns in die grüne Fraktion kommen. Er versuchte uns radikal auszugrenzen, zum Teil auch zu kriminalisieren. Auch die CSU-Abgeordneten waren vielfach aggressiv im Umgang, besonders uns jungen Frauen gegenüber. Grüne Rednerinnen wurden in den Plenardebatten offen angefeindet und sexistisch beleidigt. Mich hat das entsetzt, so etwas hatte ich nicht erwartet. Die SPD sah uns hingegen vor allem als Konkurrenten, besonders in den Großstädten. Weil ich zum Beispiel in Schwabing aus dem Stand 20 Prozent geholt habe, hat der SPD-Kandidat dort sein Direktmandat an die CSU verloren.

In den 90er-Jahren wurde dann auch innerhalb Ihrer Partei viel gestritten. 1998 schafften die Grünen die Fünf-Prozent-Hürde in Bayern nur gerade so.

Die 90er waren insgesamt ein schwieriges Jahrzehnt für die Grünen. Unser wichtigstes Thema, die Verhinderung der Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf, war erfolgreich erledigt. Wir mussten uns neu finden. Unsere Forderung nach einem sofortigen Atomausstieg warf viele ungeklärte Fragen auf, insbesondere im Hinblick auf unsere Regierungsbeteiligung im Bund. Diese Kontroverse wurde in Bayern teils besonders verbissen geführt – bis hin zu persönlichen Streitereien und Machtkämpfen.

Von 2003 bis 2017 haben Sie die Fraktion geführt.

Wir haben uns damals konsolidiert und auch professionalisiert, aus unseren Fehlern gelernt und unsere Ziele geklärt. Wir hatten Erfolge mit Volksbegehren und haben unseren Bezug zum Thema Heimat neu definiert, das vorher allein von der CSU besetzt war. In Kombination mit der gesellschaftlichen Entwicklung hin zu mehr Klimaschutz, Vielfalt und Weltoffenheit hat das zum überragenden Ergebnis von 2018 geführt, als wir fast 18 Prozent holten.

Heute setzen die Grünen im Landtag auf einen konstruktiven Kurs, wollen als regierungsfähig wahrgenommen werden. Was hätte die Fraktion von 1986 dazu gesagt?

Diese 40 Jahre sind eine unglaubliche Erfolgsgeschichte. Viele hielten uns für eine Eintagsfliege. Aber wir sind gewachsen, während CSU und SPD seither verloren haben. Nur: Wir hatten eben noch nie Regierungsverantwortung. Die Fraktion von 86 hätte das auch vehement abgelehnt, unser Auftrag war, der CSU-Regierung einzuheizen. Das war damals genau richtig.

Jetzt nicht mehr?

Heute noch Fundamentalopposition zu machen, wäre absurd, das würde die positiven gesellschaftlichen Veränderungen leugnen. Wir wollen und können mitregieren, um Demokratie und Klimaschutz zu stärken. Die einzige realistische Möglichkeit dafür in Bayern ist Schwarz-Grün. Ich unterstütze diese Option sehr und habe den Eindruck, dass es auch wichtige Kräfte in der CSU gibt, die das ähnlich sehen. Demokratische Kräfte müssen immer gesprächsfähig sein. Katharina Schulze baut Brücken und richtet die Arbeit der Fraktion strategisch darauf aus, Verantwortung für Bayern zu übernehmen.

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