„Sie leiten hier keine Firma, sondern eine Partei“: Der Shitstorm, den der Kanzler nach seiner Pleiten-Pech-und-Pannen-Kabinettsumbildung in seiner CDU erlebt, trägt bereits Züge einer Rebellion. Die rheinland-pfälzische CDU will Merz nicht mal mehr sehen. Das Ende der Geduld ist für viele erreicht, verständlicherweise. Ein Staatssekretär, der erst aus der Presse von seiner Entlassung erfährt, ein Minister, der gehen muss, aber noch tagelang als Untoter dem Kabinett angehören soll – das sind nicht die Umgangsformen, die man sich in einer bürgerlichen Partei wünscht.
Der Kanzler macht es selbst seinen einst glühendsten Anhängern schwer. Dafür, dass ein Ministeranwärter in letzter Minute Angst um seine üppigen Nebeneinkünfte bekommt, kann Friedrich Merz nichts. Für das Kommunikationsdesaster danach aber schon. Heute soll Merz-Intimus Thorsten Frei zum Spahn-Nachfolger gewählt werden. Doch nicht über ihn und die neuen Gesichter in der Regierung spricht das Land, sondern über das Drama drumherum. Manche spotten schon, Merz habe sich die alte Trump-Show „You are fired“ zum Vorbild genommen.
Die Enttäuschung ist auch deshalb so groß, weil viele in der Union mit Merz eine von Anfang an unerfüllbare Heilserwartung verbunden hatten. Nach den verschlafenen Merkel-Jahren und dem Ampeltheater sollte es endlich wieder schwungvoll aufwärtsgehen. Doch große Würfe sind in der schwarz-roten Koalition kaum möglich; gemessen daran hatte die Regierung vor der Sommerpause gut Tritt gefasst. Bis sie in der Causa Spahn wieder ins Stolpern kam. Bei den Wahlkämpfern in Ostdeutschland ist die Stimmung besonders mies, weil sie sich bei der Kabinettsrochade zu kurz gekommen fühlen.
Der Kanzler muss hoffen, dass seine Partei ihre Wut heute nicht an seinem Intimus Frei auslässt. Dies ist nicht die Zeit für Schadenfreude: Ein schlechtes Ergebnis für den Fraktionschef wäre Öl ins Feuer der Krise und weder im Interesse der Union noch des Landes noch der Demokratie, zu deren „letzter Patrone“ Söder die Merz-Kanzlerschaft etwas leichtsinnig überhöht hatte. Schon jetzt ist die Not so groß, dass manche in der Union sehnsuchtsvoll auf die Zeit nach Merz schauen. Viele Blicke richten sich auf NRW-Chef Hendrik Wüst und den starken hessischen Ministerpräsidenten Boris Rhein. Und manche auch auf die CSU-Allzweckwaffe Alexander Dobrindt.