Effektiv gegen Putin: Ein Drohnenlager in der Ukraine © dpa
München – Die erste Lieferung wird jäh gestoppt. Auf einem Parkplatz an der Grenze zu Polen halten ukrainische Soldaten ein deutsches Fahrzeug an, an Bord befinden sich fünf Aufklärungsdrohnen. Schnell ist klar, dass die Reise hier enden wird, doch der Besuch erfüllt seinen Zweck. Der Fahrer demonstriert den Soldaten die Funktionsweise der Fluggeräte und übergibt sie ihnen dann. Ein paar Wochen später, im Mai 2022, wird die erste in der Region Charkiw auf dem Gefechtsfeld eingesetzt. In dichtem Nebel, den keine andere Drohne durchdringt, liefert sie Bilder von vorrückenden russischen Truppen. Eine Information von unschätzbarem Wert.
Angefangen hat damals alles mit dem Anruf eines ukrainischen Beamten bei der Firma Quantum Systems, von deren Aufklärungsdrohnen man auch in Kiew schon gehört hatte. Viele Entscheidungen in den ersten Wochen nach der russischen Invasion geschehen spontan und aus der Not geboren, doch die Parkplatz-Episode zeigt, wie pragmatisch und erfolgreich die Zusammenarbeit zwischen der Ukraine und dem Westen schon zu diesem frühen Zeitpunkt verläuft.
Heute ist Quantum Systems einer der größten und bestvernetzten deutschen Produzenten von unbemannten Fluggeräten, dem im Verteidigungskrieg der Ukrainer eine Schlüsselrolle zukommt. Während die Politik, zuletzt die CSU, ein Abkommen zwischen Kiew und Berlin anstrebt, damit auf staatlicher Ebene ukrainisches Drohnen-Know-how als Ausgleich für westliche Milliarden verfügbar wird, ist das Unternehmen, das seine Zentrale in Gilching (Landkreis Starnberg) hat, längst viel weiter. 2023 hat es in der Ukraine ein erstes Zentrum für Service, technische Unterstützung, Training und Logistik eingerichtet, ein Jahr später folgte die erste Drohnenfabrik, ein Joint Venture mit dem ukrainischen Start-up Frontline. Bis heute sind mit anderen Partnern zwei weitere Unternehmen für die Produktion von Land- und Abfangdrohnen entstanden.
Die Fortschritte in der Drohnentechnologie haben nicht nur das Kriegsgeschehen völlig verändert, sie beflügeln auch Firmen, die vor wenigen Jahren höchstens Insider kannten: Stark Defence in Berlin ist eines, Helsing in München oder eben Quantum Systems. Dessen Gemeinschaftsunternehmen Quantum Frontline Industries produziert (in Deutschland) die Mehrzweckdrohne „Linza“, die in der logistischen Unterstützung verwendet wird. Von ihr sollen künftig bis zu 10.000 Stück pro Jahr in die Ukraine geliefert werden. Bei den Landdrohnen sind es in Kooperation mit der ukrainischen Firma Tencore 2000, bei der 400 km/h schnellen Abfangdrohne „Strila“ (ukrainisch für „Pfeil“), die vor Ort mit dem Unternehmen WIY Drones gefertigt wird, schon 15.000.MARC BEYER