Aigner oder Rhein: Wer verräumt wen?

von Redaktion

Bundespräsidentenwahl

Und plötzlich taucht aus den Tiefen des Sommerlochs ein neuer Bundespräsidentenkandidat auf: Hessens Ministerpräsident Boris Rhein (54) sei der neue Favorit des Kanzlers für die Wahl am 30. Januar, melden Berliner Blätter. Also doch nicht die fesche Bayerin Ilse Aigner, die Friedrich Merz vor wenigen Tagen noch eine „respektable“ und „denkbare“ Persönlichkeit nannte? Der Jurist Rhein, heißt es, sei fachlich versierter im Umgang mit verfassungsrechtlich heiklen Lagen wie einer Regierungskrise, erst recht, wenn die AfD bald als stärkste Partei im Bundestag sitzt. Warum die erfahrene Parlamentarierin Aigner (62), die sich als Landtagspräsidentin seit Jahren mit der AfD herumschlägt, das nicht können soll, bleibt nebulös.

Böse Zungen bringen es auf eine griffigere Formel: Der gefährlich wackelnde Kanzler Merz würde gerne den möglichen Rivalen Rhein verräumen und CSU-Chef Söder die populäre Ilse Aigner, die ihm im Fall der Fälle in Bayern gefährlich werden könnte. Anders als Merz, der sich in der Präsidentenfrage bedeckt hält, hat Söder sich klar positioniert. Mit Aigner würde auch er scheitern. So was schätzt die Kraftmaschine Söder gar nicht. Lieber würde er sich auf dem Parteitag im Oktober den Jubel seiner Parteifreunde (und Rückenwind für seine eigene dritte Kandidatur) abholen, falls er es bis dahin schafft, Aigner durchzusetzen. Hinzu kommt, dass Söder sich dem Kanzler gegenüber zuletzt sehr loyal verhalten hat, was sich von Merz‘ Parteifreunden nicht behaupten lässt. Es wäre also Zeit, sich beim Münchner Regenten erkenntlich zu zeigen.

Und: In Deutschland gibt es eine weitverbreitete Stimmung, dass 80 Jahre nach Gründung der Bundesrepublik erstmals eine Frau das höchste Staatsamt bekleiden solle. Mit Aigner steht eine starke Kandidatin bereit, die zudem auch von Grünen und SPD hochgeschätzt wird. Als „verbindend und verbindlich“ rühmen sie die Genossen. Beide Parteien dürfte die Union zur nächsten Regierungsbildung benötigen. Übergeht er Aigner, würde Merz seinen Gegnern erneut die Chance bieten, ihn als hoffnungslosen Retro-Mann zu diffamieren, der Frauen nichts zutraut. Und mehr als die Hälfte der Wähler sind Frauen. Nach den Wahlen im Osten will Merz entscheiden – falls er dann noch die Zügel in der Hand hält.

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