Kontroverse Wahlkampfhilfe: Sven Schulze (r.) hofft auf den Hallervorden-Effekt. © Klaus-Dietmar Gabbert/dpa
München – Die Szene hatte was von „Die drei Musketiere“, nur dass im Hintergrund nicht die Seine in Paris glänzte, sondern der Geiseltalsee bei Braunsbedra, Mitteldeutschland. Sven Schulze, Michael Kretschmer und Mario Voigt standen da und kreuzten die Hände, ihr Lächeln so breit wie die Hemden weiß. Drei CDU-Ministerpräsidenten aus dem Osten mit einer hübsch choreografierten Kampfansage an Berlin: So geht‘s nicht.
Offiziell ging es um die Rentenreform, die den Ostdeutschen nicht ganz koscher ist – eigentlich aber um mehr. Die CDU steht in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern vor schwierigen Wahlen: Besonders Schulze muss fürchten, als erster Regierungschef ein Land (Sachsen-Anhalt) an die AfD zu verlieren. Die Kanzler-CDU ist im Moment nicht sehr hilfreich – also setzt er sich zunehmend ab.
Man muss sagen: Dass Landesverbände kurz vor Wahlen das eigene, regionale Profil schärfen, teils konfrontativ, ist per se nicht neu. Die CSU, als Regionalpartei ein Sonderfall, zog 2018 mal einen ganzen Wahlkampf ohne die damals amtierende Kanzlerin Angela Merkel durch. Bayern sei „ein bisschen das Gegenmodell zu Berlin“, sagte Markus Söder damals und lud stattdessen Österreichs Kanzler Sebastian Kurz ein.
Hinzu kommt, dass die Ost-CDU fast traditionell ein wenig anders tickt als die Gesamtpartei. Der Sachse Kretschmer verkörpert die parteiinterne Abweichung bei Themen wie Migration oder Russland wie kein anderer. Neu ist aber, dass sich jetzt, im Sommer 2026, drei zusammentun, um der eigenen Partei, dem eigenen Kanzler in Berlin Paroli zu bieten. Die Absicht ist klar: Man will der AfD, die sich zur Stimme des Ostens stilisiert, diesen Rang nicht kampflos überlassen.
Das hat aber einen Preis – oder mehrere. Kurz bevor er zum Rentenkritiker wurde, lobte Schulze das Paket noch und stellte sogar fest: „Auch die speziellen Bedürfnisse Ostdeutschlands finden Berücksichtigung.“ Nun gibt er den Kämpfer, der verspricht, in der Frage der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren nicht umzufallen. Restlos glaubwürdig ist das nicht. Der „Tagesspiegel“ kürte ihn zum „Flip-Flop-Politiker“ – mal so, mal so.
Ein bisschen „flip-flop“ ist auch ein anderes Manöver: Schulze zieht dieser Tage mit dem Kabarettisten Didi Hallervorden durch Sachsen-Anhalt. Was am Anfang wie ein tragisches Missverständnis wirkte, ist wohl Teil einer Strategie, die ebenfalls auf die AfD zielt. Schulze will die CDU als Hort der Meinungsfreiheit positionieren – und Hallervorden will dabei helfen.
„Kultur braucht Freiheit“ heißt die Veranstaltungsreihe, bei der der 90-Jährige Dinge sagt, die in der Merz-CDU Schnappatmung auslösen. Zuletzt am Montag in Dessau. In Gaza wittert er einen Völkermord. Dem Kanzler, den er – Achtung, Satire – „Diktator“ nennt, wirft er Kriegstreiberei vor. Auch der neuen CDU-Generalsekretärin Franziska Hoppermann gibt Hallervorden einen mit. Schulze sitzt daneben und sagt, er sehe „vieles anders als Didi“. Aber jemanden einzuladen, der CDU-Botschaften nachbete, sei ihm zu leicht gewesen. Er lasse sich von Berlin nicht sagen, was man in Sachsen-Anhalt denken solle.
Ob das Stimmen zurückholt? Eine absolute Mehrheit der AfD verhindert? Hallervorden will seinen Teil dazu beitragen – und Schulze nimmt die maximale Merz-Schelte dafür in Kauf. Ob der Plan aufgeht, ist eine andere Frage. Der Chemnitzer Politikwissenschaftler Benjamin Höhne nennt die Aktion „riskant“. „Dass die CDU substanziell davon profitieren wird, glaube ich eher nicht“, sagte er der „Welt“. Die AfD, in Sachsen-Anhalt gesichert rechtsextrem, liegt bei 41 Prozent, die CDU bei 24.MMÄ