Da bröckelt ein Rad auf dem Weg ins Schloss! © Zeichnung: Behrends
München – Ist ja noch lang hin. Oder doch nicht? Die Zeitachse bis zum nächsten Bundespräsidenten schrumpft. Mitte März 2027 übergibt Frank-Walter Steinmeier das Amt des Staatsoberhaupts. Gewählt wird in der Bundesversammlung am 30. Januar. Für Herbst 2026 haben sich die Spitzen von Union und SPD, die gemeinsam wohl auf eine zumindest knappe Mehrheit kämen, vereinbart, Namen zu nennen – am besten nur einen. Genau deshalb ist derzeit die heiße Findungsphase. Und im politischen Sommerloch in Berlin ist da viel Schwung drin.
Der Sachstand: Derzeit gelten zwei überregional bekanntere Landespolitiker als aussichtsreichste Kandidaten. Ilse Aigner (61, CSU) aus Bayern und Boris Rhein (54, CDU) aus Hessen werden am häufigsten genannt, von Journalisten ebenso wie in der Politik. Die CSU ist dabei recht eindeutig sortiert. Parteichef Markus Söder spricht sich immer klarer für die Oberbayern Aigner aus, die als Präsidentin des Landtags viel Erfahrung im Repräsentieren, aber auch im Umgang mit der AfD hat. Er lässt aufhorchen mit dem Satz, „man“ habe sich ja auf eine Frau im höchsten Staatsamt verständigt.
Prominente CSU-Politikerinnen geben ihm und Aigner Rückendeckung. „Deutschland ist reif für eine Bundespräsidentin und Ilse Aigner ist genau die Richtige dafür“, sagt Ulrike Scharf, die stellvertretende Ministerpräsidentin und Chefin der Frauen-Union, unserer Zeitung. Sie verbindet das mit einem flammenden Appell: „Eine Frau als unser Staatsoberhaupt ist ein Gewinn für die Menschen im Land und die Politik. Frauen stehen für eine wertebasierte, verantwortungsvolle, demokratische, nahe und empathische Politik“, sagt Scharf. Es gebe keinen Grund, an der Eignung einer Frau fürs allerhöchste Amt zu zweifeln.
Bayerns Gesundheitsministerin Judith Gerlach sagt: „Ilse ist dafür nicht nur persönlich geeignet, sondern auch überparteilich geschätzt.“ Es brauche eine Brückenbauerin, „wir dürfen die Frage nicht darauf verengen, ob man juristische Expertise braucht“, die gebe es auch im Mitarbeiterstab. Aigner habe „gutes Gespür und die richtige Ansprache Demokratiefeinden gegenüber“ bewiesen, sagt Gerlach.
Überraschend klar auch die SPD. Parteivize Alexander Schweitzer sagte dem „Spiegel“: „Eine Bundespräsidentin wäre ein wichtiges und überfälliges Signal für die Gleichstellung. Die Zeit ist reif.“ Es befremde ihn, „dass nun einige aus der Union an diesem Konsens rütteln“. Fraktionsmanager Dirk Wiese macht in ähnlichen Worten klar, es sei an der Zeit. Sascha Binder, der neue SPD-Fraktionschef in Baden-Württemberg, nennt Aigner sogar namentlich als seine Favoritin. Sie habe Respekt und große Erfahrung bewiesen. „Sie wäre eine starke Bundespräsidentin für unser Land. Machen wir einen Knopf dran.“ Zuvor hatten mehrere bayerische SPD-Politiker Aigner ebenfalls unterstützt, auch Grünen-Landtagsvizepräsident Ludwig Hartmann und die Spitzen der Freien Wähler, darunter Fraktionschef Florian Streibl. Auch auf diese Stimmen könnte es in der Bundesversammlung ankommen.
Beeindruckt das die CDU? In der Parteispitze wird der Name von Boris Rhein immer lauter genannt. Argumente: Jurist und Regierungserfahrung. Hessens Ministerpräsident ist auch in Teilen der CSU gut vernetzt. Für Raunen sorgt, dass Unionsfraktionschef Thorsten Frei eine solche Wende vorzubereiten scheint. Auch ein Mann müsse im Amt möglich sein. „Wir sollten da offen rangehen“, so der Merz-Vertraute.
Aigner selbst: schweigt. Sie liegt im Krankenhaus nach ihrer Knie-Operation und konzentriert sich voll auf ihre mehrwöchige Reha. Sie will trittsicher sein im Herbst.