Das neue Leben des Sebastian Kurz

von Redaktion

Wien – Hochgekrempelte Hemdärmel, die Rechte hält das Telefon ans Ohr, die Linke ist in die Hüfte gestemmt. Lässig lehnt Sebastian Kurz an einem Poller. „Wieder mal in New York!“, lässt er seine mehr als 300.000 Follower auf Instagram wissen. Symbolisch liegt ein ganzer Ozean zwischen ihm und seiner alten Heimat – die passende Kulisse, um abermals Gerüchte über ein politisches Comeback zu entkräften. Realität sei: Er habe seine politische Karriere, also den Aufstieg vom Jugend-Chef der bürgerlichen ÖVP zum Außenminister und schließlich zum jüngsten Bundeskanzler in der Geschichte Österreichs, zwar sehr genossen. „Aber ich möchte nicht mehr in die Politik einsteigen“, schreibt Kurz.

Hochgekocht waren die Spekulationen über seine Rückkehr in die Politik anlässlich eines Treffens zwischen Kurz und Herbert Kickl, dem Chef der Freiheitlichen Partei (FPÖ). Mit den Rechtspopulisten war die Kurz-ÖVP 2017 eine Koalition eingegangen. Die Zusammenarbeit scheiterte jedoch nach nur knapp mehr als 500 Tagen, als das Parlament erstmals einen Kanzler durch ein Misstrauensvotum stürzte – eine Folge der „Ibiza-Affäre“ rund um FPÖ-Korruption, die 2019 in Neuwahlen resultierte.

Bei der jüngsten Nationalratswahl im Jahr 2024 wurde die FPÖ erstmals stärkste Partei, scheiterte aber an der Regierungsbildung. Inzwischen liegt sie bei 37 Prozent. Damit liegt die regierende Dreierkoalition in Umfragen nur noch um knapp sieben Prozentpunkte vor den Rechtspopulisten. Einige Beobachter fragten sich deshalb, ob Kurz mit einer neu gegründeten Liste der FPÖ bei der nächsten Wahl wohl in die Regierung verhelfen werde. Er selbst bezeichnete die geplatzte Koalition mit der FPÖ schließlich als „sehr gute“ Partnerschaft.

Bereits vorigen Sommer hatte Österreich für einige Tage die Kurz-Nostalgie gepackt. Medien und Weggefährten spekulierten über eine Rückkehr des konservativen Tausendsassas. Christoph Hofinger, Sozialforscher in Wien, erkennt darin so etwas wie einen Alpenrepublik-Reflex: „In der österreichischen Politik wird immer auch ein wenig der nächste Akt im politischen Drama erwartet: Wer stößt wen vom Thron? Welche Partei spaltet sich? Kurz‘ Abgang erfolgte so überraschend, dass die Zuschauer sich vielleicht denken, er müsste ja eigentlich im Hintergrund darauf warten, wieder auf die Bühne zu kommen.“

Kurz, der Ende August 40 Jahre alt wird, bleibt dabei: Keine Neuauflage der Mitte-Rechts-Kooperation, keine Rückkehr in die Politik. Ohnehin seien die Voraussetzungen derzeit schlecht, schätzt Experte Hofinger: „Viele Wähler setzen mittlerweile ihre Hoffnung angesichts der vielen Krisen weniger auf Machertypen als auf Disruption, also den von der FPÖ propagierten radikalen Systemwechsel. Kurz steht bislang nicht als jemand, der das gesamte Establishment abmontiert und etwas ganz Neues aufbaut.“

Außer in der Privatwirtschaft. Dort will Kurz, nebst Familie, seinen neuen Lebensmittelpunkt gefunden haben. 2022 hat er das KI-Startup „Dream“ mitgegründet. Inzwischen wird die Cybersicherheitsfirma mit Standorten in Wien, Tel Aviv und Abu Dhabi mit drei Milliarden US-Dollar bewertet. Kurz selbst zählt nun zu den 100 reichsten Österreichern.MARKUS SCHÖNHERR

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