Afghanische Bauern in Kandahar: Die Sicherheitslage ist etwas stabiler, die Freiheit ist beschnitten. © Sanaullah Seiam/AFP
Kabul – Vor fünf Jahren eroberten die islamistischen Taliban in einer Blitzoffensive Afghanistan. Am 15. August 2021 nahmen sie die Hauptstadt Kabul ein. Seither beschneiden sie systematisch Frauenrechte, die humanitäre Lage im Land hat sich massiv verschlechtert.
Die Lage: Zwar hat sich die Sicherheitslage in dem Land deutlich verbessert, in anderen Bereichen wie Ernährung und der gesellschaftlichen Teilhabe von Frauen allerdings gibt es Rückschritte. Afghanistan mit seinen mehr als 48 Millionen Einwohnern steckt derzeit in einer schweren humanitären Krise. Die Unterernährung habe ein bislang nicht da gewesenes Ausmaß erreicht, warnte zuletzt das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen. 47 Prozent der Minderjährigen seien im ersten Quartal dieses Jahres unterernährt gewesen.
„Meistens gibt es in einem Land Konflikte, eine Hungersnot oder eine Naturkatastrophe. In Afghanistan gibt es all das gleichzeitig“, sagt Thamindri de Silva. Sie leitet das Büro der Hilfsorganisation World Vision International in der westafghanischen Stadt Herat und ist seit über zwei Jahrzehnten in Krisengebieten unterwegs. „Die Not hier ist so chronisch und groß, dass sie sich kaum mit Situationen vergleichen lässt, die ich bisher erlebt habe.“
Die Rückkehrer: Verschärft wird die Lage durch massive Migration: Seit September 2023 sind nach UN-Angaben fast 5,9 Millionen Menschen nach Afghanistan zurückgekehrt – ein Bevölkerungsanstieg von zehn bis zwölf Prozent. Insbesondere die Nachbarländer Pakistan und Iran verschärfen ihre Regelungen für Afghanen. Viele Flüchtlinge reisen zurück in ihr Heimatland, um der Abschiebung zuvorzukommen. Mehr als 90 Prozent der Rückkehrer leben nach Angaben des UN-Flüchtlingswerks von weniger als fünf US-Dollar am Tag.
Die Unterdrückung: Die Taliban haben auch die Meinungsfreiheit stark eingeschränkt, Medien können kaum noch frei berichten. Nach drei Jahren schwerster körperlicher Arbeit hatte der Journalist Nadschib aus Kabul wieder einen Job in einem Medienunternehmen gefunden. „Aber aufgrund der schwierigen Bedingungen und der Atmosphäre der Angst und Unsicherheit habe ich es nur ein paar Tage ausgehalten“, sagt er. Die Situation der Frauen verschlechtert sich seit der Machtübernahme der Taliban zusehends. Frauen müssen in der Öffentlichkeit oder bei Arztbesuchen von einem Mann begleitet werden und es gelten strenge Kleidervorschriften.
Dass die Taliban Frauen den Zugang zu höherer Bildung verwehren, sorgt für viel Unmut. „Als Vater schäme ich mich vor meinen Töchtern, dass ich ihnen nicht die Grundlagen für ihre weitere Ausbildung bieten kann. Das ist eine Hilflosigkeit, die ich noch nie in meinem Leben verspürt habe“, sagt der Journalist Nadschib. Frauen erhalten auch kaum noch Arbeitsberechtigungen für Anstellungsverhältnisse, wie Experten berichten.
Die Taliban-Macht: Die Extremisten kontrollieren weitestgehend das ganze Land. Nach der Übernahme in Kabul konnten die Taliban ihre Kontrolle auf das gesamte Staatsgebiet ausweiten. Die Sicherheitslage gilt seither als eher stabil. Es scheint gleichzeitig interne Konflikte bei den Taliban zu geben. So gilt die Fraktion der Bewegung in Kabul als eher pragmatisch. Diese strebe etwa nach ökonomischer Stabilität, einer Öffnung des Landes und einem verbesserten Zugang zu Bildung für Mädchen und Frauen, schreibt die britische BBC. Demgegenüber stehen die Loyalisten um den Taliban-Führer Haibatullah Achundsada im spirituellen Zentrum der Bewegung, der südafghanischen Stadt Kandahar. Diese Hardliner-Fraktion soll auch hinter einer kurzzeitigen Abschaltung des Internets 2025 stecken.