Der neue Zugbegleiter: Steffen Bilger (CDU) gestern im Zugabteil zwischen Pinneberg und Kiel. © Marcus Brandt/dpa
München – Am Montagmorgen fliegt der Minister erst mal hochkant raus. Steffen Bilger will ICE fahren, Berlin nach Schleswig-Holstein. In seinem Abteil ist aber die Klimaanlage defekt, der Wagen wird geräumt. Auch der Verkehrsminister muss raus, schiebt sein Köfferchen klaglos ins nächste Abteil. Keine Eile, denn Verspätung hat der Zug sowieso. Das kann ja heiter werden.
Bilger, 47, erlebt eine harte Landung in der neuen Aufgabe. Er ist, je nach Zählung, nur dritte Wahl für das Amt nach Patrick Schnieder (gefeuert) und Fritz Güntzler (vom Mut verlassen). Anzumerken ist ihm das aber nicht. Nach gerade mal 13 Tagen als Bundesverkehrsminister ist der CDUler aus Baden-Württemberg einer der Aktivsten im Kabinett, Dauergast in den Schlagzeilen. Es hat ihn über Nacht ins neue Amt gespült, aber er wirkt so, als trete er mit einem Konzept an.
Kleine Auswahl: In den ersten Tagen räumte Bilger die Debatte um ein Tempolimit ab. Er verpasste dem Bahn-Management einen Einlauf mit der Drohung, Boni an Pünktlichkeit zu koppeln. Er setzte sich erfolgreich für das Aus des Sonntags-Fahrverbots für Lkw ein. Er mischte in der Drohnen-Debatte an den Airports mit. Er kündigte mehr Tempo beim Verbauen der Infrastrukturmilliarden an. Und schnitt schon die ersten Bänder durch. Bei Licht betrachtet, ist da viel Ankünderei dabei, und auch das mit den Bahn-Boni ist nicht neu. Aber das will Kanzler Friedrich Merz ja so: Wirbel machen, nicht apathisch-abwartend wie Vorgänger Schnieder auf milliardenschweren Schuldentöpfen sitzen und so tun, als sei kein Geld da.
„Bilgers Blitzstart“, schreibt „Politico“ und berichtet, dass der neue Boss gleich den Chefsprecher des Ministeriums mit austauscht. Bilgers großer Vorteil: Er kennt das Haus. Von 2018 bis 2021 war er da Staatssekretär. Zugegeben, das war unter Minister Andreas Scheuer (CSU), nicht gerade eine Prachtphase, aber es genügte, um Abläufe, Fettnäpfe und Fallen kennenzulernen.
Bilger hilft auch seine gute Vernetzung in der Union. Er war zuletzt parlamentarischer Geschäftsführer der Fraktion, eine Art Hütehund der Abgeordneten. In der Spahn-Affäre mitsamt Rücktritt war er im engsten Interims-Führungszirkel, der den Laden zusammenhielt. Wenige sprechen schlecht über ihn. „Er ist gewissenhaft, fleißig und verbindlich“, sagt zum Beispiel sein CSU-Kollege Reinhard Brandl, der ihn seit einem Vierteljahrhundert kennt. „Gleichzeitig ist er klar in der Sache und redet einem nicht nach dem Mund.“
Nein sagen zu können, wird Teil des Jobs, trotz aller Milliarden. Mutmaßlich seit Tag 1 wird Bilger von Abgeordneten bestürmt, die in ihren Wahlkreisen Bundesfernstraßen, Schienentrassen oder jene Rinnsale haben, die mal Wasserstraßen waren. Gestern, kaum im Ersatz-Abteil angekommen, durfte Bilger zum Beispiel SMS eines erregten bayerischen Verkehrsministers lesen: Christian Bernreiter (CSU) beklagte sich, warum die Autobahn GmbH den Ausbau der A8 hintanstelle. Wobei Bilger sofort antwortete, substanziell. „Er weiß, wovon er spricht“, lobte Bernreiter dann den neuen Kollegen.
Klar, der kommt ja auch aus dem Süden. Geboren ist Steffen Rudi Bilger 1979 in Schongau, Bayer also, machte Karriere dann im Südwesten. Jura-Staatsexamen in Tübingen, Rechtsreferendar in Stuttgart, VfB-Fan, Wahlkreis Ludwigsburg seit 2009 immer direkt gewonnen, also nicht irgendsoein Listenfüller. Kleine Fußnote: Der Vorgänger im Wahlkreis, Matthias Wissmann, war auch schon Verkehrsminister. Bilger übernahm das Fachgebiet.
Aufgabe jetzt: weiterwirbeln. Noch gilt eine Art Schonfrist. Die Grünen, zu denen Bilger als Teil der „Pizza-Connection“ stets Kontakt hielt, kritisieren zwar die Grundlinie der Union in der Verkehrspolitik und sehen in ihm ein Weiter-so. Sie griffen aber noch nicht frontal an. Merz, für ihn der Friedrich, formulierte bei Amtsantritt, der Steffen werde „dafür sorgen, dass wir schneller und besser werden beim Thema Aufbruch in Deutschland“.