Eigentlich müsste sich Wladimir Putin wegen der letzten echten Oppositionspartei Russlands keine Sorgen machen: Jabloko kam bei den letzten Duma-Wahlen nur noch auf 1,3 Prozent der Stimmen und hat es schon seit 2003 nicht mehr geschafft, über die Fünf-Prozent-Hürde zu gelangen. Führungsfiguren wie Partei-Vize Maxim Kruglow oder Lew Schlosberg sitzen im Straflager.
Und trotzdem fordert der Putin-Vasall Alexej Jurawlew, der Chef der linksnationalen Partei Rodina, Jabloko müsse „mit einem dreckigen Besen aus dem Wahlkampf vertrieben“ werden. Trotzdem werden die Mutigen, die für Jabloko kandidieren, mit Gewalt bekämpft, indem etwa ihre Datschas angezündet oder ihre Familien bedroht werden. Trotzdem verhandelte das Oberste Gericht Russlands über den Ausschluss der Partei von den Duma-Wahlen.
Das zeigt: Putin ist nervös. Jabloko ist zwar im Vergleich zu Alexej Nawalnys Bewegung deutlich weniger populär und eigentlich keine echte Bedrohung für die Allmacht des Kreml-Herrn. Doch die Staatsmacht zertritt mit aller Brutalität jedes zarte Pflänzchen der Demokratie und des Pazifismus, weil sie den generellen Stimmungswandel nicht hochkommen lassen will: Laut einer Umfrage des unabhängigen Meinungsforschungsinstituts Lewada befürworten 64 Prozent der Russen inzwischen Friedensverhandlungen mit der Ukraine.
Putin will nicht riskieren, dass die wachsende Kriegsmüdigkeit sich trotz aller Manipulationen in einem respektablen Ergebnis für Jabloko niederschlägt. Die einzige russische Partei, die den Angriff auf die Ukraine offen kritisiert, hätte bei den Pseudo-Parlamentswahlen im Herbst zwar ohnehin keinerlei Chance gehabt, die Macht zu erobern. Aber Jabloko, übersetzt „Apfel“, hätte entlarvt, dass Putins System längst faulig geworden ist.KLAUS.RIMPEL@OVB.NET