Den Begriff „Radl-Hauptstadt“ gibt‘s in München schon länger. Allerdings: Damals, als er erfunden wurde, war das noch eher ein Plan als eine Zustandsbeschreibung. Jetzt, gut 15 Jahre später, stellen wir fest, dass die echte Welt den Plan längst überholt hat – jedenfalls, was die Zahl der Radfahrer betrifft. Zweirad-Staus an den Ampeln sind zum Standard geworden, Radl-Pendeln auch aus dem entfernteren Umland ist nichts Ungewöhnliches mehr – und immer öfter gibt‘s Ärger zwischen Radlern, Fußgängern und Autofahrern. In der Stadt und in ganz Oberbayern.
Letzteres – der Ärger – liegt daran, dass weder Infrastruktur noch Bewusstsein sich in gleichem Maß verändert haben wie die Zahl der Radler. Der E-Bike-Boom und Corona haben gewirkt wie ein Turbo. Was wir nun erleben, ist ein ähnliches Phänomen wie beim Smartphone oder der künstlichen Intelligenz. Die Welt ist so schnell geworden, dass Verantwortungsträger (von Planern über die Verwaltung bis zu Politikern) nicht mehr hinterherkommen, den richtigen Rahmen für alle neuen Möglichkeiten zu setzen.
Wer’s besser machen und wieder vor die Welle kommen will, der muss nicht nur clever planen, sondern auch einen Flexibilitäts-Puffer einbauen. Sollbruchstellen zum Umplanen für den Fall, dass sich die Welt ändert. Dafür braucht‘s einen gesetzlichen Rahmen, der diese Flexibilität auch erlaubt – und kein enges Korsett.
Was das Radeln angeht, das schon Gegenwart und nicht mehr Zukunft ist: Wir alle – Radler wie Autofahrer – sollten manchmal vom Gas gehen. Etwas langsamer tun, etwas mehr Rücksicht nehmen, etwas entspannter bleiben. Das wird fürs Erste schon reichen.ULRICH.HEICHELE@OVB.NET