WIE ICH ES SEHE

Deutsch – eine „tierische“ Sprache

von Redaktion

Im Französischen sind vor allem die Tierfabeln von La Fontaine berühmt für Menschliches in der Tierwelt. Tiervergleiche spielen aber auch in der deutschen Literatur eine große Rolle. Weit über die Fabel hinaus dienen Tiere dazu, menschliche Eigenschaften besonders anschaulich zu machen. Goethes Tiergeschichte „Reineke Fuchs“ ist nur eines von vielen Beispielen. Einen besonders schönen Tiervergleich hat der Dichter Christian Morgenstern geprägt mit der Meinung, ein guter Gedanke komme „wie ein Vogel – zärtlich und geschickt“.

Kein Wunder, dass in Frankreich wie in Deutschland identische Tiervergleiche in die Alltagssprache eingegangen sind: Stark wie ein Bär, schlau wie ein Fuchs, fleißig wie die Biene, stumm wie ein Fisch, ängstlich wie ein Hase, treu wie ein Hund, störrisch wie ein Esel – die Vergleiche lassen sich beliebig fortsetzen.

Der französische Journalist Jean d’Ormesson hat daraus eine schöne Geschichte über ein verunglücktes Rendezvous (oder modern: „Date“) gemacht. Der Sohn des französischen Gesandten (1925–1933) in München hätte sicher seine Freude daran, zu sehen, dass sein tierisches Rendezvous auch auf Deutsch erzählt werden kann:

Ob stolz wie ein Hahn, stark wie ein Bär oder stur wie ein Esel, schlau wie ein Fuchs – früher oder später verfällt jeder von uns einer „Wachtel“ mit „Rehaugen“.

Du kommst zu deinem ersten Date, stolz wie ein Pfau, frisch wie ein Fisch im Wasser – und dann … keine Menschenseele! Du wartest und wartest und fragst dich, ob diese „Schnepfe“ dich tatsächlich hat sitzen lassen? Dabei hat doch der „Sündenbock“, der dir das Date verschafft hat – dieser Romeo, mit dem du wie „Hase und Igel“ im Wettbewerb stehst – dir versichert, du wirst vor Liebe ganz hin und weg sein. Aber nun behandelt sie dich wie einen „Hund“. Du bist kurz davor, loszuschimpfen wie ein „Rohrspatz“, als die „schlaue Füchsin“ endlich auftaucht.

Nun ja, zehn Minuten Verspätung – kein Grund zur Aufregung. Nur, dass die besagte „Maus“ – trotz „Schwanenhals“ und „Löwenmähne“ stumm bleibt wie ein „Fisch“, blind wie ein „Maulwurf“. Eine „blöde Kuh“ eigentlich. Und du sitzt in der Falle! Du wirst rot wie ein „Hummer“ und stehst da wie ein „gestellter Eber“. Schließlich packst du den „Stier bei den Hörnern“ und erfindest ein Fieber, das es dir erlaubt, „schnell wie ein Hase“ das Weite zu suchen. So bist du vom „stolzen Adler“ auf den Höhen des Lebens als „Suppenhuhn“ auf dem Boden der Realität gelandet.

Danach bleibt das Beste, schlafen wie ein „Murmeltier“. Und beim nächsten Mal, wie überhaupt in allen Lebenslagen, solltest du an den ältesten Tiervergleich denken: Vieles weiß der Fuchs, aber der Igel kennt ein einziges Großes. Sich im richtigen Augenblick einrollen, das hilft nicht nur beim Rendezvous.

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