Schriller als die Optik sind nur seine Wahlversprechen. Der Spaßkandidat „Count Binface“ war der größte Rivale von Nigel Farage (r.). © dpa
München – Er trägt einen Mülleimer als Helm, dazu einen silbernen Umhang und eine schwarze Rüstung. Noch wilder als sein Outfit sind eigentlich nur die Wahlversprechen. Er will die Preise für Croissants deckeln, Leute, die Lautsprecher in öffentlichen Verkehrsmitteln benutzen, zum Militärdienst einziehen und die Chefs aller Wasserversorger zwingen, in verschmutzten Flüssen zu schwimmen. Ach ja, allzu laute Snacks in Kinos will er möglichst verbieten.
„Count Binface“ – zu Deutsch: Graf Mülltonnengesicht – ist zwar mehr Satirefigur als Politiker, zur Nachwahl in Großbritannien trat er am Donnerstag trotzdem an. Die Ergebnisse aus Clacton-on-Sea in Südost-England lagen bis Redaktionsschluss nicht vor. Im Vorfeld wurden dem Spaß-Kandidaten aber bis zu 20 Prozent der Stimmen zugetraut. Hinter der Müll-Maske steckt der bekannte britische Komiker Jon Harvey, der seit Jahren als „intergalaktischer Weltraumkrieger“ bei Wahlen antritt.
Typisch britisch irgendwie. Allerdings ging es bei der Wahl um eine im Kern ernste Angelegenheit. Dass sie überhaupt stattfinden musste, lag an Nigel Farage, dem Mann, der den Briten den Brexit bescherte und trotzdem zu den beliebtesten Politikern der Insel zählt. Erst kürzlich trat er als Abgeordneter des britischen Unterhauses zurück, nur um sich dann wieder zur Wahl zu stellen. Der Sieg war ihm sicher, weil die anderen großen Parteien keine Gegenkandidaten aufgestellt hatten. Das wiederum ist sehr aufschlussreich.
Hintergrund des ganzen Wahlwirbels ist eine Spendenaffäre, die dem Rechtspopulisten ernste Probleme beschert. Laut dem „Guardian“ erhielt er vor seiner Wahl zum Abgeordneten im Jahr 2024 ein Geldgeschenk in Höhe von fünf Millionen Pfund (rund 5,9 Mio. Euro), das er nicht als Spende deklarierte. Er sagt, es habe sich um ein persönliches Geschenk ohne Bedingungen gehandelt – eine parlamentarische Untersuchung gab es trotzdem. Farage verkündete seinen Rücktritt. Und siehe da: Die Untersuchung wurde ausgesetzt.
Die Konkurrenz roch den Braten und warf Farage, wohl nicht zu Unrecht, ein großes Ablenkungsmanöver vor. Das Kalkül des Ober-Brexiteers: Sich bei den Nachwahlen ein starkes Mandat sichern – und damit auch neue Legitimität, trotz der Untersuchungen, die nach einem Sieg zweifelsohne wieder beginnen. Dafür wollten sich die anderen nicht instrumentalisieren lassen.
Farage gilt seit vielen Jahren als größter Unruhestifter in der britischen Politik. 1993 gründete er UKIP und machte sie von einer Splitterpartei zu einer ernsthaften politischen Kraft. Als Anführer der Kampagne „Leave.EU“ trug er maßgeblich zum EU-Austritt Großbritanniens bei. Seit Monaten gehört er mit seiner Partei Reform UK zu den stärksten politischen Kräften in Großbritannien. Farage selbst wähnte sich schon auf dem Weg zum neuen Premier. Aber der Wechsel an der Regierungsspitze (Andy Burnham statt Keir Starmer) und die Spendenaffäre setzten ihm zu. Reform UK ist aktuell nur noch zweitstärkste Kraft hinter Labour.
Die Nachwahl sollte für Farage also eine Art Befreiungsschlag werden. Entsprechend polarisierend trat er auf. „Ich habe entschieden, dass die Menschen in Clacton-on-Sea die Richter über meine Handlungen sein sollen“, hatte er mit Blick auf den 80.000-Wähler-Wahlkreis gesagt. Wahlmotto: „Volk gegen Establishment“.
Ergebnisse sollten spätestens am Freitagmorgen vorliegen. Und trotz der mehr als 30 Gegenkandidaten galt Farages Sieg als ausgemacht. Ob das Manöver ihm nutzt, ist eine ganz andere Frage. Bis zur nächsten Unterhauswahl sind es noch drei Jahre hin. Ob sein Premier-Traum ausgeträumt ist? Muss sich in dieser Zeit zeigen.