Attacken auf „russisches Amazon“

von Redaktion

Seit über einem Monat brennen regelmäßig Lagerhäuser in ganz Russland. © Stringer/EPA, Hoppe/dpa, Zaghloul/imago

München – Das Pink sticht ins Auge. Soll es auch. Eben ein Wiedererkennungswert dieser Webseite. Hier gibt es zwischen De’Longhi-Kaffeepulver, Hilfiger-Unterhosen und Katzenfutter auch Kinder-Jogginganzüge mit russischem Doppelkopfadler, 2949 Rubel (29 Euro) in Militärgrün und Navyblau und Team-Putin-Shirts.

Auf dem russischen Online-Marktplatz Wildberries – in Wildbeerenpink – kann jedes Bedürfnis gestillt werden. Und damit der Zweiteiler auch drei Tage später beim neuen Besitzer landet, setzt der Konzern auf viele kleinere Unterhändler und ein landesweites Logistiknetz inklusiver Abholstellen auch im russischen Hinterland. Ein Online-Marktplatz, der auch russisches Amazon genannt wird und zunehmend ins Visier der Ukraine gerät.

Seit dem 18. Juli greifen ukrainische Drohnen fast täglich Wildberries-Lager an. St. Petersburg, Moskau, Wolgograd: Flammen und Rauchschwaden über Millionenstädten und sogar Berichte von Toten. Mithilfe von vielen Drohnen, die die russischen Streitkräfte nicht alle abschießen können, richtete die Ukraine Schäden auch weit hinter der Grenze an.

Es ist eine ganz bewusste Strategie der von Russland angegriffenen Ukraine. „Es wird nichts übrig bleiben“, kündigt Robert Brovdi, Kommandeur der ukrainischen Streitkräfte für unbemannte Systeme, Anfang August an. „Erinnert euch an meine Worte Mitte September“, sagt er einem Portal für Verteidigungs- und Sicherheitspolitik. „Wird es Wildberries dann überhaupt noch geben?“ Ein Fünftel der Hallen sollen schon zerstört sein.

Brovdi erklärt auch genau, warum Wildberries für die Ukraine zum Angriffsziel geworden ist. Zum einen wolle man die russische Gesellschaft damit beeinflussen, den Krieg sichtbar machen. Schließlich nutzen laut Analysten 800.000 Händler Wildberries, um ihre Waren unter die Millionen von Kunden zu bringen. Allein an einem Tag wickelt das Unternehmen nach eigenen Angaben 20 Millionen Transaktionen ab. Zerstörte Ware und abgerissene Lieferketten stören die russische Stabilität empfindlich.

Zu Beginn der Angriffe hatte die ehemalige Englischlehrerin und heute Wildberries-Chefin Tatjana Kim noch angekündigt, die „kleinsten und am wenigsten geschützten Unternehmer“ zu entschädigen. Ob dieses Versprechen noch gilt? Unklar. Viele Händler „haben Waren mit Fremdkapital (Schulden) gekauft, die Waren wurden vernichtet und die erwarteten Einnahmen damit auch“, sagt Benjamin Hilgenstock von der Kyiv School of Economics der „Bild“. Es könnte also eine Pleitewelle der kleinen und mittleren Unternehmen drohen.

Zudem steckt das Unternehmen tief in den Schulden. Kredite von umgerechnet zehn Milliarden Euro hat Wildberries bei russischen Banken aufgenommen. Können die nicht zurückgezahlt werden, könnte das weitreichende Konsequenzen haben – so hofft es die Ukraine. Gegenüber der Deutschen Welle formuliert Mychajlo Podoljak, Berater des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, das klare Ziel: Ein Unternehmen „mit einem Umsatz von 6,2 Billionen Rubel (ca. 67 Milliarden Euro)“ zu schädigen, würde auch die Gläubiger treffen – dazu gehören die Großbanken Sberbank, die VTB und die Alfa-Bank. Was laut Podoljak zu einer „dramatischen Entleerung“ der ohnehin schon angespannten Staatskassen führen kann.

Außerdem wirft Selenskyj Wildberries vor, „Drohnenkomponenten, Navigationsgeräte und militärische Ausrüstung“ zu lagern und zu transportieren. Erwartbar dementiert das Moskau. Klar ist aber: Dort sind Produkte erhältlich, die offensichtlich im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg stehen – von Armeeschuhen bis militärischen Anstecknadeln mit einem Z, dem Symbol der Kriegs-Befürworter.

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