Fedorow fordert Neuwahlen. © Screenshot Youtube
München/Kiew – Mit erhobenem Kinn blickt Michailo Fedorow in die Kamera. In seiner Videobotschaft auf YouTube wirkt der 35-Jährige kämpferisch – nicht wie ein Politiker, der kürzlich sein Amt verloren hat, sondern wie einer, der bereits über das nächste nachdenkt. Entschlossen trägt der geschasste ukrainische Verteidigungsminister eine Forderung vor, die seit Kriegsbeginn vor allem aus dem Kreml zu hören war: Die Ukraine braucht Neuwahlen. „Die Demokratie darf nicht als Geisel Russlands gehalten werden“, sagt er und fordert damit den Mann heraus, der ihn entlassen hat: den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj.
Das Volk könne nicht weiter in einem politischen System leben, in dem es die Entscheidungen der Regierung nicht verstehe, erklärt Fedorow. Zwar verweist er vage auf Reformen, spielt aber sicherlich auch auf seine eigene hochumstrittene Entlassung an. Dass Selenskyj ihn nach nur sechs Monaten als Verteidigungsminister seines Amtes enthob, stieß bei vielen Ukrainern auf Unverständnis.
Fedorow, der als Vater des ukrainischen Drohnenkriegs gilt, tritt in der Ukraine als Gesicht einer neuen Generation auf. In seiner kurzen Zeit als Verteidigungsminister trieb der 35-Jährige nicht nur die Drohnentechnik, sondern auch die Digitalisierung der Streitkräfte voran. Schnell stieg Fedorow zum beliebtesten Minister in Selenskyjs Kabinett auf.
Spätestens seit seiner Videobotschaft gehen viele davon aus, dass Fedorow auf das Präsidentenamt spekuliert – die Krönung einer Karriere, die in jungen Jahren begann. Fedorow trat erstmals während seines Studiums ins Rampenlicht. Bei dem Projekt „Studentska Respublika“ wählte man ihn zum „studentischen Bürgermeister von Saporischschja“. Sein politischer Ehrgeiz war entfacht.
2014 wollte der junge Mann für die Partei 5.10 ins Parlament. Das klappte nicht. In den folgenden Jahren stieg er jedoch zu einem zentralen Berater Wolodymyr Selenskyjs auf und wurde zum Kopf seines Internetwahlkampfs von 2019. Jahrelang galt er als loyal gegenüber dem Präsidenten. Damit machte er sich zum Ziel russischer Desinformation. Der AfD-Politiker Maximilian Krah verbreitete beispielsweise über Fedorows Ehefrau Anastasia die Behauptung, sie habe sich von einem EU-Kredit eine 26-Millionen-Euro-Jacht gegönnt. Eine gefälschte Fotomontage zeigte das Ehepaar vor einer Luxusjacht. Schnell wurde die Geschichte als Propagandanarrativ entlarvt.
Fedorows Ansehen schadete die Episode nicht. Auch der Machtkampf mit Selenskyj änderte bislang nichts an seiner Beliebtheit beim Volk. Als dessen Kämpfer inszeniert er sich: „Sollte Russland das Recht haben, zu bestimmen, wann die Ukrainer wieder ihren Staatschef wählen können? Ich finde, das sollte es nicht“, sagt er und stellt Selenskyj damit vor die schwerste Bewährungsprobe seiner Amtszeit.S. BELLIVEAU