IRAN

„Hinrichtungen sollen einschüchtern“

von Redaktion

Dieter Karg von Amnesty International über die massenhaften Todesurteile

Immer mehr Hinrichtungen im Iran: Auch in Deutschland protestieren dagegen regelmäßig Menschen – Dieter Karg von Amnesty International findet das wichtig. © Macdougall/AFP

Berlin/Teheran – Die Fotos, die durch die Sozialen Medien geistern, sind erschreckend: Aufnahmen von Hinrichtungen im Iran. Die Verurteilten werden teils mithilfe von Baukränen grausam aufgehängt, der Tod tritt oft erst nach mehreren Minuten ein. Die oft öffentlichen Exekutionen dienen dem Mullah-Regime zur Einschüchterung seiner Gegner, andererseits sind sie eine Machtdemonstration gegenüber der Bevölkerung. Wir sprachen mit Dieter Karg, Iran-Experte bei Amnesty International.

Wie viele Hinrichtungen gab es in diesem Jahr im Iran?

Bis Ende Juli kam es im Iran zu 52 Hinrichtungen aufgrund sogenannter politischer Delikte, die Amnesty International dokumentiert hat. Darunter fallen auch 26 Hinrichtungen von Protestierenden. Es gab darüber hinaus auch hunderte Exekutionen aufgrund anderer Straftaten. Die iranische Menschenrechtsorganisation Iran Human Rights zählte bis zum 6. August 444 Hinrichtungen, davon 53 gegen Protestierende, Oppositionelle oder angebliche Spione. Die wenigsten davon wurden von offiziellen Quellen gemeldet.

Welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen dem Krieg des Iran mit den USA und der Zahl der Hinrichtungen?

Die iranischen Behörden nutzen den Vorwand der „nationalen Sicherheit“ und des „Kriegszustands“, um die Unterdrückung von abweichenden Meinungen zu verschärfen. Sie verhafteten nach den Protesten vom Januar 2026 willkürlich tausende Menschen, die sie der Beteiligung an Protesten verdächtigten, aber auch viele andere, die sie als Oppositionelle ansahen. Der Polizeichef des Iran, Ahmadreza Radan, verkündete am 17. Mai, dass mehr als 6500 „Verräter und Spione“ verhaftet wurden. In offiziellen Stellungnahmen und Medien wurden sie auch als „Terroristen“, „Söldner“, „Konterrevolutionäre“, „Agenten fremder Mächte“ und „Kollaborateure mit dem Feind“ bezeichnet. Daraus wird deutlich, dass man die Verhafteten in Verbindung mit den Angriffen durch Israel und die USA bringen will. Einige Anklagen wie Spionage, bewaffnete Rebellion gegen den Staat oder Kampf gegen Gott sind mit der Todesstrafe belegt.

Welche Hintergründe vermuten Sie hinter der hohen Zahl der Todesurteile, die derzeit vollstreckt werden?

Wir sind davon überzeugt, dass die Todesstrafe die Bevölkerung einschüchtern und von weiteren Protesten abschrecken soll.

Wie laufen die Verfahren gegen die Beschuldigten in der Regel ab?

Der Leiter der Justizbehörden, Gholamhossein Mohseni Ejei, ordnete am 19. April 2026 beschleunigte Strafverfahren gegen „Fußsoldaten und Komplizen des Aggressors“ an. Maßnahmen wie Verschwindenlassen, Einzelhaft, Verweigerung anwaltlichen Beistands, Folter und erzwungene Geständnisse, die teilweise öffentlich ausgestrahlt werden, zielen darauf, schneller das gewünschte Ergebnis zu erreichen.

Politische Prozesse sind grob unfair. Sie dauern oft nur wenige Minuten. Den Anwälten wird häufig der Zugang zu Akten verweigert oder zu spät gewährt oder es werden nur staatlich ausgewählte Rechtsbeistände akzeptiert. Unter Folter erzwungene „Geständnisse“ werden als Beweismittel zugelassen. Die Richter stehen unter dem Druck, die staatlichen Vorgaben der Härte gegenüber den Angeklagten zu erfüllen.

Welche Wege sehen Sie, die Situation zu verbessern?

Da die Verantwortlichen für die Menschenrechtsverletzungen im Iran völlige Straflosigkeit genießen, sind rechtliche Maßnahmen auf internationaler Ebene erforderlich. Kontinuierliche öffentliche Proteste, Appelle und Petitionen sind ebenfalls hilfreich, da sie der iranischen Führung signalisieren, dass ihr Handeln beobachtet wird und die Opfer nicht vergessen sind.

Artikel 7 von 11