Endlich mal Zeit zum Nachdenken!

von Redaktion

Debatte um Kanzler-Urlaub

Ja gut, die Vorlage hat Friedrich Merz natürlich selbst gegeben: Den Deutschen erst vorzuwerfen, sich zu sehr mit der Work-Life-Balance zu beschäftigen, dann aber selbst recht ausgedehnt zu urlauben, ruft natürlich die Kritiker auf den Plan. Kein öffentlicher Auftritt, kein inszeniertes Foto, nicht mal ein Handy-Schnappschuss von Zufallsbegegnungen. „Es scheint fast, als hätte er sich in die Einsamkeit seiner eigenen Haarinsel zurückgezogen“, ätzte der „Spiegel“. Der Kanzler macht sich rar – unerhört!

Zunächst: Urlaube von Bundeskanzlern haben die Nation schon immer bewegt. Helmut Kohl liebte den Wolfgangsee in Österreich, Angela Merkel wanderte in Südtirol und Gerhard Schröder war so oft an der Amalfiküste, dass ihn der Ort Positano gleich zum Ehrenbürger ernannte. Doch schon zu Zeiten Konrad Adenauers war klar: Richtig Urlaub hat ein Kanzler nie. Weil die Welt keine Pause einlegt, fährt die Arbeit immer mit. Mit Handys und Digitalisierung hat sich das potenziert. Selbst wenn es keine öffentlichen Auftritte gab, kann man davon ausgehen, dass Merz mehrere Stunden am Tag arbeitete.

Generell leidet der politische Betrieb inzwischen unter seinem abnormalen Tempo. Gerade der Kanzler hastet rastlos um die Welt, während sich daheim jeden Tag neue Baustellen auftun. In einer Zeit voller Social Media, Podcasts oder Fake News gibt es ständig neue Aufregung. Als Beobachter fragt man sich immer öfter, wie da noch Zeit bleibt, sich in die höchst komplexen Fragen einzuarbeiten, die ein Kanzler lösen soll. Und wie er bei all den Detailentscheidungen noch das große Bild im Auge behalten soll. Idealerweise hat Merz im Urlaub viel nachgedacht und die Prioritäten neu gesetzt. Da gäbe es durchaus Optimierungsbedarf.

Wenn man über zu lange Urlaube redet, sollte man eher über den Parlamentsbetrieb insgesamt nachdenken. Eine vierwöchige Pause im August wäre genug. Dass der Bundestag erst nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt wieder zusammenkommt, ist das falsche Signal.MIKE.SCHIER@OVB.NET

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