Zorniger Zar: Wladimir Putin droht Wolodymyr Selenskyj im Interview, der deutsche Außenminister Johann Wadephul trifft den ukrainischen Präsidenten in dessen Hauptstadt Kiew. © EPA/DPA
Kiew/Moskau – Kreml-Herrscher Wladimir Putin hat der Ukraine mit noch härteren Schlägen gedroht – in für ihn ungewöhnlich drastischen Worten. Die Ukraine habe mit den gegen Russlands Wirtschaft gerichteten Attacken die „Büchse der Pandora“ geöffnet – also ein Quell des Unheils –, sagte Putin in seinem ersten Interview mit dem Moskauer Staatsfernsehen seit Beginn der Angriffe vor einigen Wochen. Kiew habe nun selbst den „Geist aus der Flasche“ gelassen. „Die Gegenmaßnahmen werden nicht lange auf sich warten lassen. Die bekommt ihr“, sagt er an die Adresse Kiews. „Dabei werden die Handlungen der russischen Armee noch deutlich spürbarer und zerstörerischer ausfallen.“
Drohungen in so einem Duktus überlässt Putin für gewöhnlich seinem Lautsprecher – und zwischenzeitlichen Präsidenten-Platzhalter – Dmitri Medwedew. Dass er selbst zu solch drastischen Worten greift, könnte darauf hinweisen, dass er sich unter Zugzwang sieht.
Hinter dem Zorn des russischen Machthabers dürften vor allem die gezielten ukrainischen Drohnen-Attacken auf Lagerhallen des Versandhändlers Wildberries stehen. Wildberries gibt an, über 80 Millionen Kunden russlandweit zu haben. Hunderttausende Kleinunternehmer verkaufen über diese Plattform, die sich am besten mit Amazon vergleichen lässt, ihre Waren. Nach Einschätzung des russischen Wirtschaftsexperten Andrey Gurkov verfolgt Kiew mit den Angriffen das Ziel, eine Bankenkrise auszulösen. Denn nicht nur das in den vergangenen Jahren stark gewachsene Unternehmen selbst sei stark verschuldet, auch hunderttausende Händler verlören Ware, die sie oft über einen Kredit finanziert hätten – zusätzlich hätten diese in vielen Fällen auch noch private Kredite, die sie nun auch nicht mehr bedienen könnten. „Wenn alle diese Kreditnehmer jetzt auf einmal ihre Kredite nicht mehr bedienen können, kann das zu schweren Verwerfungen bei einem ohnehin angeschlagenen System führen“, führt Gurkov im Podcast „Ronzheimer“ aus.
Es gebe bereits einen Abfluss von Mitteln aus dem russichen Bankensystem. Müsse nun eine erste Bank eingestehen, kein Geld mehr auszahlen zu können, „dann beginnt der Banken-Run“, erklärt Gurkov. Sprich: alle wollen ihr Geld durch Abhebungen sichern. „Und dann hat man die klassische Bankenkrise.“
Die Ukraine weitet ihre Drohnenangriffe auf russische Logistikzentren nun sogar noch aus und nimmt nach Wildberries auch den Onlinehändler Ozon ins Visier. Am Sonntag wurde nach Unternehmensangaben den zweiten Tag in Folge ein Ozon-Lager getroffen.
Putin hingegen betont, dass die vom Westen unterstützte Ukraine mit ihrem 40-Tage-Plan für eine Vernichtung der russischen Wirtschaft gescheitert sei. Auch die Einheit der russischen Bevölkerung sei nicht zerstört worden. Zugleich räumte er erneut ein, dass es Schäden gebe. Für die Lage auf dem Schlachtfeld habe das Kiew allerdings gar nichts gebracht.MM/DPA