„Hier entstehen Champions“

von Redaktion

„Unheimlich viele Fragen gestellt“: Friedrich Merz mit Tytan-Drohne. © Singer/Pool/EPA

München – Rente, Zucker, Abfangdrohne. Bei der Kabinettsklausur stach ein Termin heraus. Das Münchner Start-up Tytan Technologies stellte sein neuestes Flugobjekt vor. Maximilian Enders (kl. Foto), Leiter der Geschäftsentwicklung, erlebte einen beeindruckten Kanzler.

Für wen war die Präsentation ungewöhnlicher: für Sie oder das Kabinett?

Für uns war das etwas Besonderes. Wir testen normalerweise auf Truppenübungsplätzen oder direkt im Einsatz. Vor dem Schloss Neuhardenberg war der Platz sehr begrenzt, aber auch die Atmosphäre ganz anders. Aber es war sehr eindrucksvoll und hat viel Spaß gemacht. Alle im Kabinett waren extrem interessiert. Man hat auch gemerkt, dass es eine sehr lange Tagung war. Ich glaube, es war ein willkommener Programmpunkt, draußen bei schönem Wetter.

Wie hat Merz reagiert?

Er hat unheimlich viele Fragen gestellt. Der Kanzler ist ja selber Pilot. Das ist das Angenehme, dass man ihn auch für die Technik begeistern konnte, nicht nur für das große Ganze. Technik, Steuerung, KI. An der Stelle war auch der Digitalminister sehr involviert.

Ihre Drohne kann 1,5 Kilo Sprengstoff aufnehmen.

Das ist die maximale Payload. In der Regel ist es deutlich weniger. Wenn man etwa eine Shahed-Drohne abfangen will, braucht man 600 bis 800 Gramm. Es würde auch deutlich weniger reichen, um die Drohne flugunfähig zu machen. Aber gerade bei Drohnen mit einer hohen Payload – und bei der neuesten Shahed sind es 40 Kilo – will man den Gefechtskopf auch in der Luft neutralisieren.

Das System, das Sie vorgestellt haben …

… ist unsere neueste Interceptor-Drohne: Mit Raketenbooster und Gefechtskopf, die wir zur Abwehr von Bedrohungen, die höher und schneller fliegen als das, was Abfangdrohnen bisher erreichen können, entwickelt haben. Denn Shahed-Drohnen ebenso wie Aufklärungsdrohnen fliegen immer höher und schneller. Wir haben das System innerhalb von wenigen Monaten aus einer klar kommunizierten operativen Notwendigkeit aus der Ukraine heraus entwickelt.

Ihr Besuch erfolgte zu einem sensiblen Zeitpunkt.

Das war aber schon länger geplant. Damals ging es noch nicht um Leipzig.

Was hätten Ihre Drohnen in Leipzig bewirken können?

Wir haben mit der Bundeswehr schon Erfahrungen im Schutz von Liegenschaften gesammelt. Letztes Jahr haben wir den Auftrag für die Entwicklung eines rein kinetischen Systems erhalten. Das ist eine kleine Quadrokopter-Drohne mit einer gehärteten Flugzelle, die solche Drohnen wie in Leipzig abfangen kann. Gebraucht hätte es dafür einen Sensorverbund und eine Software, die diese Daten verarbeitet, dazu eine Reihe von verschiedenen Wirkmitteln – unter anderem Abfangdrohnen. Was bei einer militärischen Drohne wahrscheinlich nicht funktioniert hätte, wäre Jamming (Abwehr durch Störsignale) gewesen.

Die Bedrohung durch ausländische Drohnen nimmt gerade massiv zu.

Ja. Das Event war auch deshalb sehr gut. Die Bundespolizei war mit ihren Drohnenabwehreinheiten vor Ort. Die sind bisher sehr eingeschränkt in den Mitteln, die sie nutzen können, und würden gerne zu robusteren greifen. Da entwickelt sich gerade sehr viel. Vor einem Jahr war das noch nicht denkbar, dass man kinetische Abfangdrohnen im Inlandsschutz einsetzt. Heute ist das auf dem Tisch. Es muss nur noch umgesetzt werden in einen entsprechenden Rechtsrahmen.

Werden wir gerade ein Land der Drohnen – statt der Autobauer?

Das ist ein europäisches Phänomen. Es ist eine der wenigen Branchen, wo man als Europa sagen kann, hier entstehen echte Champions. Deutschland speziell hat viele Vorteile: großes Partner- und Zulieferernetz, Expertise in der Serienfertigung, Kapazitäten aus der Autoindustrie, finanzielle Mittel. Es ist so ein bisschen ein perfekter Sturm gerade in Deutschland. Und was man nicht vergessen darf: Spitzenforschung. Bei Luft- und Raumfahrttechnik war Deutschland immer schon führend. Uns macht viel Hoffnung, dass es ein tiefes Reservoir an Talenten gibt. Wenn nur ein Bruchteil von denen, die sonst in die Autoindustrie gegangen wären, nun in die Verteidigungsindustrie geht, dann sieht man, wie innovativ Deutschland immer noch ist.

Das hätte jetzt auch der Kanzler sagen können.

Ja, das deckt sich mit der Sichtweise der Regierung. Wir neigen in Deutschland dazu, unseren Untergang herbeizureden. Wenn man sachlich auf die Daten schaut – Investitionen, Mobilisieren von Talenten, Förderung von Start-ups –, ist das eine einzigartige Erfolgsgeschichte, die viel zu selten erzählt wird.

Interview: Marc Beyer

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