Als Helmut Kohl aus einer krakeelenden Menge heraus einst einen Eierwurf abbekam, reagierte der wenig kanzlerhaft, aber menschlich verständlich: Er stürmte zum Entsetzen seiner Leibwächter geradewegs auf den Eier-Angreifer zu. Gemessen daran war die Reaktion von Friedrich Merz auf die wütenden Pfiffe und „Kriegstreiber“-Rufe im Osten jetzt geradezu staatsmännisch, aber vermutlich dennoch nicht allzu hilfreich: Nach dem wenig freundlichen Empfang bezeichnete er die Schreihälse als „Wutbürger“, zu deren „Experimentierfeld“ Sachsen-Anhalt keinesfalls werden dürfe. Prompt ereiferte sich „Welt“-TV über die „Wählerbeschimpfung“, und der „Spiegel“ kürte ihn mal wieder zum „Verlierer des Tages“. Darauf hat Merz gerade ein Abo in deutschen Medien.
Wie auch immer die Sache im Osten ausgeht: Dem dünnhäutig gewordenen Kanzler und seiner Koalition bleibt nichts anderes, als in diesem stürmischen September mit den Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern die Ohren anzulegen – und zu hoffen, dass der Sturm im Oktober durchgezogen ist, ohne die Bundes-Spitzen von SPD und CDU davongefegt zu haben. Und dass Deutschland sich irgendwann genug ergötzt hat an diesem ostdeutschen Wutbürger-Spektakel. Dort ließ man der AfD jeden Skandal durchgehen, sogar das irre Absingen der DDR-Hymne und die verräterische Russen-Militaria-Tasse im Schrank des sachsen-anhaltinischen AfD-Vordenkers Hans-Thomas Tillschneider. Ein Geschenk seiner Freunde in Moskau. Dagegen ging bei der CDU sogleich jedes Wort und jedes leicht verrutschte Wahlplakat im medialen Empörungsfuror unter.
Haben wir eigentlich noch alle Tassen im Schrank?
Es sieht so aus, als habe der Osten den Kanzler aufgegeben – und umgekehrt. Und die Altkanzlerin staunt. Die AfD habe es geschafft, „alle unsere Gespräche von morgens bis abends zu bestimmen“, wunderte sich Angela Merkel bei den Berliner Thementagen. Sollte sie ihren Zuhörern mit der Frage nach dem Warum eine Denksportaufgabe gestellt haben, dürfte diesen die Antwort nicht sonderlich schwergefallen sein. Wir zitieren hier einfach mal die Kollegen von der „FAZ“: Da spricht die Richtige.GEORG.ANASTASIADIS@OVB.NET