Die Spannungen nehmen zu: Polizisten führen in Ceuta einen Mann weg von einer Gruppe von Migranten. © Antonio Sempere/AFP
Madrid – Rund einen Monat nach dem Massenansturm von bis zu 80.000 afrikanischen Migranten auf Ceuta spitzen sich die sozialen Spannungen in der spanischen Nordafrika-Exklave dramatisch zu. Am Mittwochabend wurde erneut zu einem großen Massenprotest aufgerufen. „Es reicht! Wir können so nicht weiterleben. Ich habe Angst, in meiner eigenen Stadt vor die Tür zu gehen“, sagte eine junge Spanierin einem spanischen TV-Reporter.
Schon seit Tagen gehen tausende Bürger in der von Marokko umgebenen Stadt auf die Straßen, um für eine sofortige Abschiebung der immer noch in Ceuta verbliebenen Migranten zu protestieren. Zwar kehrten die meisten der hauptsächlich jungen Marokkaner bereits 24 Stunden nach dem Ansturm wieder in ihre Heimat zurück. Doch befinden sich immer noch bis zu 8000 Migranten in der nur 85.000 Einwohner zählenden Kleinstadt.
Vergangene Woche musste die Polizei sogar mit Schlagstöcken und Tränengas vorgehen, nachdem es zwischen mehreren Dutzend Migranten am Strand von El Trampolín bei der Lebensmittelvergabe durch das Rote Kreuz zu gewaltsamen Auseinandersetzungen gekommen war. Viele Bürger sind verängstigt. Sie sprechen von einer „belagerten“ Stadt. Über WhatsApp-Gruppen werden bereits „Selbstverteidigungsgruppen“ und Nachbarschafts-Patrouillen organisiert.
Vor allem Frauen schauen mit Sorge auf die großen Gruppen junger männlicher Migranten, die seit Wochen in den Straßen abhängen, am Strand und auf öffentlichen Plätzen schlafen. Ihr Gefühl zunehmender Unsicherheit wurde am Montag bereits durch konkrete Zahlen untermauert. Die spanische Staatsanwaltschaft ermittelt derzeit in mindestens 23 Fällen wegen sexueller Übergriffe. Bei den Opfern, die teilweise zwischen 14 und 17 Jahre alt sind, handelt es sich aber ausschließlich um Migrantinnen. Unter den Migranten, die Ende Juli nach Ceuta gelangten, befanden sich knapp 1500 Minderjährige. Rund 700 von ihnen waren Mädchen.
Ceuta ist zu einem Pulverfass geworden. Juan Jesús Vivas, Präsident der völlig überforderten Stadt, spricht von einem „Schnellkochtopf, der kurz vor der Explosion steht“. Aber nicht nur wegen der besorgten Einwohner. Auch die Stimmung unter den Migranten wird immer gereizter. Sie sind frustriert, weil sie in Ceuta festhängen. Spanien lässt sie nicht aufs Festland und nach Marokko wollen sie nicht zurück. Unterdessen müssen sie in Ceuta teils im Freien schlafen und hängen von NGOs ab, um an Nahrung zu kommen.
Die Zündschnur zum Pulverfass lodert bereits. Vergangene Woche blockierten Dutzende Ceutíes Hilfskonvois des Roten Kreuzes mit Lebensmitteln für die Migranten. Mit Eisenstangen und Schlagstöcken stürmten einige sogar den Strand und brannten die Behausungen nieder, die sich hunderte Migranten hier aus Holzbrettern, Plastikplanen und Palmenblättern gebaut hatten. Während diese vor dem aufgebrachten Mob flohen, musste die Polizei Warnschüsse und Gummigeschosse einsetzen, um die Ceutíes daran zu hindern, auf die Migranten loszugehen.
Die Polizei geht davon aus, dass sich unter den gewaltbereiten Demonstranten nicht nur Einwohner befanden, sondern auch Personen aus dem rechtsradikalen Lager, die eigens vom spanischen Festland gekommen waren. Tatsächlich heizt seit dem Massenansturm vor allem die rechtspopulistische Vox, Spaniens drittgrößte Parlamentsfraktion, mit ausländerfeindlichen Parolen die Stimmung auf.
Spaniens konservativer Oppositionsführer Alberto Núñez Feijóo spricht seit Wochen vom „Kontrollverlust“ und dem „Versagen“ der spanischen Linksregierung bei der Sicherung der EU-Außengrenze und rief für Mittwochabend zu landesweiten Solidaritätsdemonstrationen für Ceuta auf. Vox hat sich angeschlossen. Doch unter dem Motto: „Nein zur Invasion! Verteidigt Ceuta, verteidigt Spanien!“ Dabei stellte Vox-Chef Santiago Abascal klar: „Wenn die Regierung die Migranten nicht hinauswirft, werden das die Spanier erledigen.“
Die Ceutíes wollen vor allem ihre Stadt zurück und fordern von Pedro Sánchez’ Linksregierung, endlich etwas zu unternehmen, um die Lage unter Kontrolle zu bekommen.