Im Herz der CSU: Klaus Holetschek führt seit 2023 die Landtagsfraktion. © Marcus Schlaf
München – Klaus Holetschek steht früh auf. Um 5 Uhr klingelt der Wecker. Bis für den Chef der CSU-Landtagsfraktion um 7.15 Uhr die erste Schalte mit seinen Mitarbeitern ansteht, hat er meist schon mit Ministerpräsident und Parteichef Markus Söder telefoniert. 85 unabhängige CSU-Landtagsabgeordnete führen und zusammenhalten – das ist seit bald drei Jahren Holetscheks Aufgabe. Und zuletzt ist noch eine weitere Morgenrunde dazugekommen. Täglich um 7.45 Uhr geht es um die Modernisierung der Hanns-Seidel-Stiftung, deren Chef er nun auch noch ist.
In der Fraktion wundern sich manche sehr darüber. Die spontanen Glückwünsche in der gemeinsamen Whatsapp-Gruppe sollen im Juni spärlich ausgefallen sein. Die Stiftung galt bisher eher als Austrag für verdiente Politiker auf dem Weg in den Ruhestand, nicht als zusätzliche Aufgabe für den Mann, der die gerne als Herzkammer bezeichnete Fraktion am Schlagen halten soll. Holetschek selbst betont, dass er gute Leute an seiner Seite weiß und keinen gesteigerten Wert auf Work-Life-Balance legt. „Ich empfinde meine Arbeit als sehr sinnstiftend.“ Andere sagen: Söder versucht, ihn so als Konkurrenten kaltzustellen. Denn Holetschek (61) gilt als ein möglicher Nachfolger, wenn der Amtsinhaber tatsächlich ins Straucheln geraten sollte – zumindest für einen Übergang.
Im internen Kräfteverhältnis mit Söder hat Holetschek als Fraktionschef zugelegt. Er hat seinen Chef dazu nicht angegriffen, ganz im Gegenteil. Holetschek gibt sich grundsätzlich loyal. Als an Pfingsten ein Söder-kritischer Brief von Manfred Weber, dem starken Mann der CSU in Brüssel, die Partei in Aufruhr versetzte, war es nicht zuletzt er, der löschte, bevor ein Flächenbrand entstehen konnte. Die Glut ist noch da. Manche in der Partei glauben, es brauche nur eine schlechte Bayern-Umfrage, damit die CSU wieder Feuer fängt.
Aus seiner Fraktion hört man überwiegend Gutes über den Allgäuer. Entschiedene Gegner scheint Holetschek dort nicht zu haben, sieht man von gelegentlichen Wortgefechten ab. Die Jungen schätzen ihn, weil er ihnen Freiheiten lässt, solange sie ihn nicht mit öffentlichen Vorstößen überrumpeln. Die Etablierten wissen, was sie an ihm haben – auch weil er die Interessen der Fraktion stärker gegenüber Söder durchsetzt als sein Vorgänger Thomas Kreuzer. Ein gutes Gespür für Menschen und deren Stimmungen wird Holetschek nachgesagt. „Den Klaus mag man“, sagt jemand. Doch darf man ihn sich nicht zu sanft vorstellen. Ein zuweilen recht scharfer Ton soll ihm auch nicht fremd sein.
Weil Holetschek die Fraktion hinter sich weiß, braucht Söder ihn, um seine eigene Macht stabil zu halten. Als Kingpin bezeichnen die Amerikaner eine politische Schlüsselfigur. Der nicht unbedingt glänzende, aber stabilisierende Bolzen im Machtgefüge. Wenn er bricht oder sich löst, wird es schnell wacklig. Bisher hält er.
Holetscheks Karriere an der Spitze hat erst spät so richtig Fahrt aufgenommen. Dabei war er immer. Söder kennt er schon aus der Jungen Union, von 1998 bis 2002 saß er im Bundestag, danach elf Jahre Bürgermeister von Bad Wörishofen, anschließend Landtagsabgeordneter. 2018 machte ihn Söder zum Bürgerbeauftragten, dann – mit 55 – erst zum Staatssekretär im Bauministerium und schließlich im Gesundheitsministerium. Dort sollte er die angeschlagene Ministerin Melanie Huml (CSU) zunächst unterstützen, und ersetzte sie 2021 schließlich. Mitten in der Pandemie übernahm Holetschek aus dem Stand den Vorsitz der Länderministerkonferenz. Ein politisches Stahlbad, aus dem er stärker hervorging. Als Corona überstanden war, wählte ihn die Landtagsfraktion 2023 zum neuen Chef.
Holetschek – verheiratet, zwei erwachsene Kinder – hat sich seither verändert. Wer seinen Namen in eine Suchmaschine wirft, erhält noch Bilder von ihm, auf denen er anders aussieht als heute. „Etliche Kilo“ ist er losgeworden. Wie? „Ich versuche, die guten Ratschläge, die ich anderen gebe, selbst zu beherzigen“, sagt der ehemalige Gesundheitsminister. In der CSU sagt man ihm nach, er wäre 2025 gerne Bundesgesundheitsminister in Berlin geworden. Daraus wurde nichts, Söder setzte andere Ressorts für seine Partei durch, Gesundheit bekam die CDU.
Im vergangenen Jahr hat Holetschek eine Borreliose-Erkrankung samt Thrombose überstanden, die ihm rund drei Monate lang zugesetzt hat. „Wenn die eigene Gesundheit infrage steht, siehst du, wie zerbrechlich die eigene Welt sein kann.“ Fragt man ihn nach Zielen, sagt Holetschek, es gehe ihm nicht in erster Linie um Positionen. „Ich will Dinge bewegen. Deswegen brennt in mir immer noch das Feuer.“