INTERVIEW

„Der Blick aufs Gesamtkonzept fehlt“

von Redaktion

Ex-Wirtschaftsweiser Bofinger über die Rente mit 63 und den Reformherbst

Der Streit über die „Rente mit 63“ verzerrt den Blick auf die Rentenreform, kritisiert Bofinger (re.). © Zavalishina/dpa, dts Nachrichtenagentur

München – Das 33-Punkte-Paket, das die Rentenkommission Ende Juni vorlegte, stammt unter anderem aus der Feder von Peter Bofinger. Der Ökonom und ehemalige Wirtschaftsweise war wissenschaftliches Mitglied des Gremiums, dessen Abschlussbericht über den Sommer kontrovers diskutiert wurde. Ein Gespräch über das Ende der „Rente mit 63“, den Wahlkampf im Osten und die Umsetzung der Rentenreform.

Herr Bofinger, Sie haben die Rentenkommission nach der Vorlage des 33-Punkte-Plans mit einem Fußballteam verglichen, das die WM gewonnen hat. Wie groß ist bei Ihnen nach dem Rentenstreit dieses Sommers die Ernüchterung?

Sie hält sich in Grenzen. Es war ja nicht zu erwarten, dass die Vorschläge in der Bevölkerung mit Begeisterungsstürmen aufgenommen würden.

Hat Sie die Heftigkeit des Widerstands gegen die Abschaffung der „Rente mit 63“ dennoch überrascht?

Die Abschaffung der „Rente mit 63“ betrifft ja nicht nur die Menschen, die kurz vor der Pensionierung stehen. Viele denken schon mit 50 darüber nach, wann sie endlich in den Ruhestand gehen können. Das Ganze hat also eine große Breitenwirkung.

Was spricht aus Sicht der Kommission gegen die „Rente mit 63“?

Für das Verständnis des Ganzen ist es wichtig zu wissen, dass ein Arbeitnehmer, der 45 Jahre gearbeitet hat, deutlich mehr Rente bekommt, als wenn er nur 40 Jahre gearbeitet hätte. Bei einem über das gesamte Arbeitsleben gleichen Lohn wäre das ein Plus von 12,5 Prozent. Die Mehrarbeit wird also entsprechend honoriert.

Wofür gibt es dann die „Rente mit 63“?

Wenn der Arbeitnehmer durch die „Rente mit 63“ dann auch noch zwei Jahre länger Rente beziehen kann, ist das ein Zusatzbonus, der von den Beitragszahlern sowie den Rentnern finanziert werden muss, die weniger als 45 Jahre gearbeitet haben. Zudem zeigt die Statistik, dass die Menschen, die mit 45 Beitragsjahren vorzeitig in Rente gehen, überwiegend in Jobs tätig waren, die keine besondere körperliche Belastung mit sich brachten.

Was ist bei der Debatte über die Kommissionsergebnisse politisch schiefgelaufen?

Das Timing war sicherlich nicht optimal. Die Kommission hatte nur knapp ein halbes Jahr Zeit für eine äußerst komplexe Aufgabe. Man hätte uns besser mehr Zeit gegeben, beispielsweise bis Ende September, dann wären die Ergebnisse erst nach diesen wichtigen Landtagswahlen präsentiert worden.

Ostdeutsche CDU-Ministerpräsidenten argumentieren, die geplante Reform benachteilige Menschen im Osten. Ist das ökonomisch stichhaltig?

Die Inanspruchnahme der „Rente mit 63“ hat sich im Ost-West-Vergleich weitgehend angeglichen. Im Osten nehmen sie 27,4 Prozent der Neu-Rentner in Anspruch, im Westen sind es 23,5 Prozent. Die Menschen in Ostdeutschland haben im Durchschnitt deutlich länger gearbeitet als im Westen, aber das wird ihnen ja auch durch eine entsprechend höhere Rente vergütet. Es kommt hinzu, dass man in den vergangenen Jahren für das gleiche Einkommen im Osten mehr Rentenpunkte bekommen hat als im Westen, was erhebliche finanzielle Aufwendungen für die Rentenversicherung bedeutet.

Haben die Landtagswahlen im Osten die Debatte über den Bericht der Kommission verzerrt?

Sie haben dazu geführt, dass eigentlich nur ein Element des Gesamtpakets diskutiert wird und dabei der Blick auf das Gesamtkonzept weitgehend verloren gegangen ist.

Glauben Sie noch daran, dass die Bundesregierung die 33 Empfehlungen tatsächlich 1:1 umsetzen wird – oder ist der Streit um die „Rente mit 63“ bereits der Anfang vom Ende des Gesamtpakets?

Ich bin ein optimistischer Mensch, aber 1:1 wird es wohl nicht werden.

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