Wenigstens im Kreml knallten gestern die Korken. 44 Prozent für die AfD und womöglich die erste Machtergreifung einer rechtsradikalen Partei in einem deutschen Bundesland, insgesamt fast 60 Prozent für russlandnahe Parteien – das ist mit dem Begriff „historisch“ noch zurückhaltend beschrieben. Vielleicht werden wir uns in einigen Jahren an den 6. September 2026 als den Tag erinnern, an dem sich die Achse Deutschlands zu verschieben begann: weg von Adenauers Erbe, EU und freiem Handel, hin zu Russland, Abschottung und Ressentiment.
Gewiss: Es war „nur“ Sachsen-Anhalt, ein Land von der Einwohnerzahl Münchens. Eine gefestigte Demokratie hält das aus. Doch die hohe Wahlbeteiligung zeigt: Das war kein Betriebsunfall, sondern das Ergebnis tiefgreifender gesellschaftlicher Umwälzungen, zuletzt noch verstärkt durch die jüngste deutsch-russische Konfrontation nach der Leipziger Drohnenattacke. Sollte der wenig instinktsichere Kanzler geglaubt haben, dass es seiner CDU hilft, wenn die Regierung kurz vor der Wahl Moskau des Staatsterrorismus bezichtigt, so hat er sich wohl abermals getäuscht. Die Ostdeutschen, die hin- und hergerissen sind zwischen Sympathie für und Angst vor der langjährigen Besatzungsmacht, hat das nur noch stärker in die Arme der AfD getrieben. Und noch am Wahltag legte Russlands Außenminister mit der Drohung nach, man stehe „letztlich am Beginn eines echten Krieges“. Moskau weiß, wie Einschüchterung geht, und die selbst ernannten AfD-Patrioten haben des Kremls Spiel gerne mitgespielt.
Irgendwie müssen die Leute Merz missverstanden haben: Die CDU sollte eigentlich die AfD halbieren. Stattdessen ist es nun umgekehrt gekommen. Für den Kanzler und seine Partei gleicht das Ergebnis einer Hinrichtung. Fast eine Million Ossis zeigten gestern den verhassten West-Eliten den Stinkefinger, indem sie mit der Wahl der AfD den aus ihrer Sicht größten Tabubruch begingen. Kein Zweifel: Diese Wahl wird lange nachhallen. Und Gräben zwischen Ost und West vertiefen. Es ist kein guter Deal, wenn der Westen Milliarden in den Osten schaufelt, dieser aber mit seiner Schwäche für Kommunisten und Rechtsradikale das Geschäftsmodell abwählt, auf dem bisher unser Wohlstand ruhte: Europa und freie Märkte.
Die gute Nachricht: Die AfD und ihr Sonnyboy Ulrich Siegmund können sich jetzt nicht mehr vor der Verantwortung drücken. Sie müssen, und sei es mithilfe von CDU-Abtrünnigen, ihren großen Worten erstmals Taten folgen lassen. Etwa zeigen, dass sie trotz ihrer offen gezeigten Abneigung gegen Ausländer dringend benötigte Pflegekräfte anwerben können. Für die CDU liegt darin die Chance, sich gegen ihren schleichenden Untergang stemmen zu können und nicht mit den Linken paktieren zu müssen. Und sich wieder als die bessere Alternative zur Alternative zu präsentieren.GEORG.ANASTASIADIS@OVB.NET