Rente mit 63: Bonus statt Streichung?

von Redaktion

München – Sie galt als bislang größter Erfolg der schwarz-roten Koalition: die Einigung, die 33 Reformvorschläge der Rentenkommission eins zu eins umzusetzen. Dieses Gesamtkunstwerk, das versicherte Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) im Juni, werde keiner aufschnüren. „Rosinenpicken“ komme nicht infrage. Und in einem seltenen Schulterschluss pflichtete Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) ihr bei: Die Regierung müsse das 33-Punkte-Paket zügig und vollständig umsetzen.

Gut drei Monate später droht das sorgsam ausgearbeitete Konstrukt aber doch zusammenzubrechen. Alle Kritiker der geplanten Reform – von den Spitzen der Gewerkschaften bis zu den ostdeutschen CDU-Ministerpräsidenten – sehen vor allem eine Rosine, die sie gerne herauspicken würden: die Abschaffung der Rente für besonders langjährig Versicherte, umgangssprachlich „Rente mit 63“ genannt.

Trotz des großen Widerstands will die Bundesregierung daran festhalten. Doch besonders in der SPD werden die Rufe, diesen Punkt doch noch einmal zu überdenken, immer lauter. Die entscheidende Frage lautet: Muss die Anerkennung langer Lebensleistung tatsächlich daran geknüpft sein, dass jemand früher in Rente geht? Der Arbeitsmarktforscher Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) liefert darauf nun eine neue Antwort.

Weber spricht sich im „Wirtschaftsdienst“ zwar ebenfalls für das Ende der bisherigen „Rente mit 63“ aus, knüpft es allerdings an eine Bedingung: einen Sonderzuschlag für alle besonders langjährig Versicherten, die nach 45 Jahren noch weiterarbeiten. Aktuell schaffe das System einen Fehlanreiz: Wer lange gearbeitet habe, werde nur belohnt, wenn er früher in Rente gehe. „Das setzt eine Norm des Aufhörens“, kritisiert Weber. Ein Sonderzuschlag könnte dies beseitigen und gleichzeitig eine lange Lebensleistung belohnen. „Für die öffentlichen Haushalte würde sich das auszahlen: mehr Wertschöpfung, mehr Beiträge, mehr Steuereinnahmen.“

Zugleich würde ein solcher Zuschlag ein zentrales Problem der „Rente mit 63“ entschärfen: Aktuell entzieht sie Unternehmen in Zeiten des Fachkräftemangels kompetente und erfahrene Arbeitskräfte. Konkret schlägt Weber vor, langjährig Versicherte ab einem Alter von 64 oder 65 Jahren für jeden Monat, den sie weiterarbeiten, zu belohnen. Als Rechenbeispiel nennt er einen monatlichen Zuschlag von 0,5 Prozent – auch über die Regelaltersgrenze hinaus.

Für Menschen, die nach jahrzehntelanger Arbeit körperlich oder psychisch nicht mehr bis zur Regelaltersgrenze durchhalten können, schlägt Weber vor, die Abschläge bei der Erwerbsminderungsrente zu senken – von 0,3 auf 0,2 Prozent pro Monat. Der Koalition könnte der Vorschlag gerade rechtkommen – und möglicherweise einen eleganten Ausweg aus der Renten-Sackgasse bieten.SBE

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