München – Der frühere Außenminister Joschka Fischer befürchtet ein Ende der Nato in ihrer bisherigen Form. In der „Zeit“ sagte der Grünen-Politiker, er gehe nicht davon aus, dass das Bündnis als transatlantische Sicherheitsinstitution überleben werde. Die Nato dürfe jedoch als militärisches Bündnis für Europa, möglicherweise mit Kanada und Großbritannien, nicht aufgegeben werden, so der ehemalige Außenminister (1998–2005). Es wäre ein großer Fehler, auf diese Struktur zu verzichten, weil man defensive Kämpfe mit aller Kraft führen müsse.
Aus dem Vertrauensverlust in den transatlantischen Beziehungen während der Amtszeit von US-Präsident Donald Trump müsse Europa nach Fischers Einschätzung Konsequenzen ziehen. „Wenn Europa stärker wird, auch machtpolitisch stärker, militärisch stärker, dann wird ein anderes Verhältnis entstehen“, sagte Fischer. „Die Situation der Nachkriegszeit mit der Hyperdominanz der USA im Nato-Raum ist vorbei. Wir müssen in der Lage sein, uns selbst zu verteidigen.“
Fischer gab mehrere Interviews zum Jahrestag des 11. September 2001. Die Terroranschläge und ihre Folgen prägen die USA aus Sicht von Fischer bis heute. „Ohne den langen Einsatz in Afghanistan und vor allem ohne die Verirrung des Irak-Kriegs wäre Donald Trump nicht Präsident geworden“, sagte der frühere Bundesaußenminister dem „Focus“.
Nach den islamistisch motivierten Anschlägen in New York und Washington hatten die USA Afghanistan angegriffen, weil das Land die Terrororganisation Al-Qaida beherbergte, die für die Terrorattacken verantwortlich war. 2003 folgte der Angriff auf den Irak, um den Diktator Saddam Hussein zu stürzen. In beiden Fällen scheiterten die Amerikaner daran, stabile Verhältnisse herzustellen.