Silvester-Drama in Rosenheim vor Gericht

von Redaktion

Ein Feuerwerkskörper traf Antonia B. aus dem Landkreis Rosenheim in der Silvesternacht 2023 ins Auge. Sie erlitt schwere Verletzungen. Wie genau es zu dem Unfall kam, ist unklar. Die Aussagen vor dem Amtsgericht gehen weit auseinander. Was ist in jener verhängnisvollen Nacht wirklich passiert?

Rosenheim – Antonia B. merkte man an, dass ihr das Ganze nicht leichtfällt. Sie stand immer wieder auf, wippte mit dem Fuß, einmal kamen ihr sogar die Tränen. Die 24-Jährige musste vor dem Rosenheimer Amtsgericht erscheinen, weil ihr in der Silvesternacht 2023 Schreckliches passiert ist.

Ihr gegenüber sitzt derjenige, der dafür verantwortlich sein soll: der Angeklagte, auch aus dem Raum Rosenheim. Sein Verhalten – ganz anders als das von Antonia B. Er saß die meiste Zeit mit stoischem Gesichtsausdruck auf seinem Platz. Wenn er aufstand, verschränkte er die Arme hinter dem Rücken. Er verzog bei der Verhandlung keine Miene und wirkte unberührt, obwohl es für ihn um eine mögliche Verurteilung geht.

Arzt bezeichnete
Verletzung als katastrophal

Der Fall, den Strafrichterin Albrecht an diesem Tag verhandelte, liegt zweieinhalb Jahre zurück. In der Nacht vom 31. Dezember 2023 auf den 1. Januar 2024 kam es im Landkreis Rosenheim zu einem Pyrotechnik-Unfall. Ein Feuerwerkskörper traf die damals 22-jährige Antonia B., die als Nebenklägerin auftrat, direkt ins linke Auge. Ein Arzt bezeichnete die Verletzung als katastrophal.

Es folgten zahlreiche Untersuchungen sowie medizinische Eingriffe. Ihre Sehkraft ist dennoch auf dem linken Auge dauerhaft beeinträchtigt und liegt bei unter 50 Prozent. Davon erzählte sie bereits bei einem ersten Verhandlungstag.

Nun wurde die Verhandlung am Amtsgericht Rosenheim fortgesetzt. Geklärt werden sollte, was genau in der Silvesternacht 2023 passierte und ob der Angeklagte fahrlässig gehandelt hatte. Ihm wird vorgeworfen, eine Feuerwerksbatterie gezündet und auf die Straße geworfen zu haben. Von einem der daraus feuernden Körper soll die Geschädigte getroffen worden sein.

Besucherandrang im
Amtsgericht enorm

Dass das Interesse an dem Fall groß ist, zeigte sich schon vor der Verhandlung. Obwohl es „nur“ um fahrlässige Körperverletzung ging, war der Besucherandrang im Amtsgericht Rosenheim groß. Sogar so groß, dass die Justizbeamtin einen neuen Raum für die Verhandlung suchen musste, damit alle Zuschauer Platz hatten. Viele Freunde, Bekannte und Bewohner des kleinen Dorfes wollten wissen, was damals passiert war.

Was in der Silvesternacht genau vorgefallen ist, wurde aber nicht ganz klar: Die Erzählungen der Zeugen gehen auseinander. „Was wissen Sie von damals noch?“, fragte Strafrichterin Albrecht den ersten der insgesamt acht geladenen Zeugen. Er hatte Silvester mit Antonia B. gefeiert und nahm damals ein Video auf, das im Prozess bereits besprochen worden war.

„Während des Filmens habe ich von der gegenüberliegenden Straßenseite einen Feuerwerkskörper auf mich zufliegen sehen und Menschen, die dort standen“, sagte er. Auch habe er gesehen, dass diese Personen etwas angezündet und „auf den Boden geworfen“ hätten. Der Feuerwerkskörper habe ihn am Kopf gestreift, sei aber erst hinter ihm explodiert.

Opfer kommen
Tränen vor Gericht

Der Verteidiger des Angeklagten, Theo Biller, wollte es aber noch genauer wissen. Er stand auf und legte dem Zeugen ausgedruckte Screenshots aus dem Video vor.

Auch Richterin, Staatsanwältin, Angeklagter, Nebenklageanwalt Peter Dürr und die Nebenklägerin stellten sich zu Biller um den Zeugen herum auf – und starrten ihn gebannt an. Sie alle versuchten, herauszufinden, an welche Details er sich wirklich erinnerte.

Wo Antonia B. gestanden habe, fragte Strafverteidiger Biller. „Relativ nah am Hauseingang. Ironischerweise, weil sie etwas Angst hatte“, sagte der Zeuge. „Sie hat ja selbst Batterien angezündet“, entgegnete der Verteidiger ungerührt.

In diesem Moment kamen dem Opfer kurz die Tränen, und die Staatsanwältin reichte ihr ein Taschentuch. Auch jetzt verzog der Angeklagte keine Miene.

Zeugenaussagen
widersprechen sich

Ein weiterer Zeuge hatte die Silvesternacht allerdings ganz anders in Erinnerung. Gemeinsam mit dem Angeklagten habe er zwar an der Straße gestanden, sie hätten aber nur im Hof eine Batterie gezündet. Im Anschluss hätten sie dann Böller auf die Straße geworfen. Allerdings: keine Batterie, aus der ein Feuerwerkskörper bis in den Hauseingang auf der anderen Straßenseite hätte fliegen und Antonia B. hätte treffen können, so der Zeuge. Wenige Minuten später sei der Vater der Geschädigten gekommen und habe die Freundesgruppe beschimpft und angeschrien. „Keiner hat gewusst, was los ist“, sagte der Zeuge vor Gericht.

„Wir wollten
keinen Streit im Dorf“

Im Gegensatz zum Angeklagten merkt man den Eltern von Antonia B. an, dass der Unfall sie heute noch beschäftigt. Auch sie sagten an diesem Tag spürbar aufgewühlt aus. Sie erinnerten sich beide daran, dass der Angeklagte in derselben Nacht zu ihnen herübergekommen sei. „Er hat gesagt: ‚Da haben wir einen Blödsinn gemacht‘“, berichtete die Mutter. Beweise dafür gibt es nicht.

Die Familie der Geschädigten habe die Sache erst über die Haftpflichtversicherung des Angeklagten klären wollen. „Wir wollten keinen Streit im Dorf“, sagte die Mutter. Immer wieder sei versucht worden, gemeinsam über den Vorfall zu sprechen. Austausch habe es auch gegeben, aber kein vernünftiges Gespräch mit einer konkreten Lösung.

Deshalb ging die Geschädigte schließlich zur Polizei und erstattete Anzeige. Laut den Aussagen weiterer Zeugen – von denen einige schon bei der ersten Verhandlung im Gericht vor Ort waren – hat der Angeklagte indessen aber Kontakt mit der Versicherung aufgenommen. In einem Schreiben habe er den Hergang des Unfalls aus seiner Sicht geschildert. Wie genau diese Schilderung aussah, wurde nicht klar.

Deshalb klinkte sich Nebenklageanwalt Peter Dürr ein. Er stellte einen Beweisantrag und verlangte Einsicht in die Unterlagen der Versicherung des Angeklagten. Richterin Albrecht nahm sich einige Minuten Bedenkzeit und gab dem Beweisantrag schließlich statt. Die Hauptverhandlung wurde unterbrochen und soll bald fortgeführt werden. Erst dann könnte sich klären, wer oder was für die Verletzungen von Antonia B. verantwortlich ist.

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