Mühldorf – Sie hat es geschafft! Johanna Sturm hat ihren Weltmeister-Titel im Einrad-Hochsprung „over bar“ verteidigt. Aber das ist noch nicht alles: Die 21-jährige Mühldorferin ist auch noch zweimalige Vize-Weltmeisterin – im Paletten-Hochsprung und im Weitsprung „on track“.
Gesammelt hat Johanna ihre Goldene und die zwei Silbermedaillen bei der Einrad-Weltmeisterschaft „Unicon 22“, die vor Kurzem in Steyr stattfand.
Nach diesen „Höhenflügen“ ist sie wieder zurückgekehrt auf den Boden des Alltags. Johanna, auch „Jojo“ genannt, empfängt die OVB-Heimatzeitungen an ihrem Arbeitsplatz. Dazu später mehr. Erst mal berichtet sie mit strahlendem Weltmeisterinnen-Lächeln von ihrem sportlichen Werdegang und ihrer Glanzleistung.
Schon mit fünf Jahren
Einrad gefahren
Aufs Einrad ist sie schon als Fünfjährige gekommen, erzählt sie: „Meine ältere Schwester hatte eins bekommen und da wollte ich es auch lernen.“ Auf der Straße ist sie mit den Nachbarskindern hin- und hergeradelt. Beim Mühldorfer Ferienprogramm „Mühlix“ kam sie mit dem Verein Mühldorfer Einradler in Kontakt und blieb dabei.
Im Verein war der damalige Deutsche Meister im Einrad-Hochsprung Trainer. Den hat sie beobachtet und war schnell überzeugt: „Das will ich auch machen!“ Schon im Alter von zehn Jahren fand sie das Springen über Stangen oder auf Palettentürme interessanter, als mit dem Einrad eine Choreografie und Showkür zu fahren.
Schwerste Verletzung:
ein Rippenbruch
„Als Kind machst du dir keine Gedanken darüber, dass du hinfallen könntest“, lacht Johanna auf die Frage, wie oft sie im Training wieder aufstehen musste. Und wie schaut’s mit blauen Flecken aus? „Ich hatte und habe viele blaue Flecken, überall.“ Diese und Schrammen gehören dazu, wenn man den Einradsport auf dem Niveau von Johanna Sturm ausübt. Eine Rippe hat sie sich schon mal gebrochen: „Aber das war – toi, toi, toi – meine schwerste Verletzung.“
Sie betont, dass weder sie noch ihre Sportskollegen bei ihren Sprüngen ans Limit gehen: „Außerdem lernt man über die Jahre, wie man richtig stürzt und sich abrollt.“
Ein Helm gehört immer zur Ausrüstung. Beim Einrad-Trial – dabei springen die Radler über Hindernisse – trägt sie zum Schutz einen Rückenprotektor.
Nur drei Wochen
Training für die WM
Sie kommt aus einer sportlichen Familie: Der Papa spielte Fußball, die Mama Volleyball. Johanna hat Vieles ausprobiert und macht einiges heute noch: Leichtathletik, Klettern und Bouldern, Skifahren, und sie spielte Volleyball beim TSV 1860 Mühldorf.
Seit vier Semestern studiert sie Sportmanagement in Innsbruck. Deshalb trainiert und spielt sie Volleyball jetzt in einem Innsbrucker Verein. Nach ihrem Abschluss würde sie gerne im Event-Management von Großveranstaltungen wie im Münchner SAP-Garden arbeiten.
Für ihre Teilnahme bei der Einrad-WM reichte ihr ein überraschend kurzes Training. „Effektiv habe ich dafür drei Wochen lang, dreimal die Woche trainiert“, erzählt Johanna. Das reiche aus, wenn man die Technik beherrsche, so ihre Erklärung. Außerdem sei Sport fester Bestandteil ihres Studiums, sie mache Krafttraining und das Volleyball-Training zweimal die Woche. Ligaspiele an den Wochenenden sorgen für Kondition und Sprungkraft.
Ihre erste Europameisterschaft gewann sie 2017 mit gerade mal zwölf Jahren. Den ersten Weltmeistertitel hat sie sich im Jahr 2022 im französischen Grenoble erkämpft. 2024 ist sie nicht angetreten, da fand der Wettbewerb in den USA statt. „Die Teilnahme ist eine Geldfrage“, sagt sie. Zwar übernimmt der Verein die Startgebühr, aber das ist der kleinste Posten. Die Kosten für Anreise und Unterkunft und für die Beförderung des Einrads müssen die Sportler selbst tragen.
2026 wollte Johanna Sturm es bei der „Unicon 22“ im österreichischen Steyr noch mal wissen. Als Mitglied der Mannschaft der Mühldorfer Einradler trat sie in ihren Paradedisziplinen an und konnte sich ihren WM-Titel im Finale der besten Acht nach vier Jahren wieder zurückholen. Ein „cooles Event“ sei es gewesen, schwärmt sie. Insgesamt fuhren rund 1.400 Teilnehmer – weiblich und männlich und über alle Altersklassen – bei der WM um die Medaillen, etwa 60 davon im Hochsprung.
„Bei meiner ersten Weltmeisterschaft war ich ein Nervenbündel“, lacht Johanna. „Dieses Mal habe ich mir weniger Druck gemacht.“ Und sie war am Ende selbst von ihrem Erfolg überrascht: „Bei dieser WM habe ich meine persönliche Bestleistung erreicht!“
Ältere Schwester
ist ihre Trainerin
Mit einer Höhe von 80 Zentimetern sicherte sie sich den Weltmeistertitel im Einrad-Hochsprung. Im Paletten-Hochsprung mit 85 Zentimetern sowie im Weitsprung mit 2,35 Metern wurde Johanna jeweils Vize-Weltmeisterin.
Bei diesen Erfolgen immer mit an ihrer Seite war ihre ältere Schwester Christina Sturm – sie ist Johannas Trainerin.
Besonders schön und bewegend fand Johanna die Siegerehrungen: „Dieses Mal so richtig auf dem Treppchen und dazu wurde die Nationalhymne gespielt.“ Ihre Medaillen versteckt sie daheim nicht, sie hängen an der Wand ihres Zimmers – allerdings noch in Mühldorf. „Meine neuen Medaillen werde ich mit nach Innsbruck nehmen und auch das T-Shirt der Nationalmannschaft“, kündigt sie an. „Ich bin stolz darauf! Es wäre doch schade, wenn sie nur in einer Schachtel verstaut wären.“
Arbeitskollegen
in Ampfing sind stolz
Stolz sind auch ihre Kollegen von Nutz Elektrotechnik in Ampfing auf die Weltmeisterin in ihren Reihen. Dort arbeitet Johanna in ihren Semesterferien und verdient mit ihren Aufgaben in Marketing und Social Media nicht nur Geld fürs Studium, sondern kann auch viel für ihren angestrebten Berufsweg lernen. „Nach der WM haben sie mich hier richtig feierlich empfangen“, freut sich Johanna. Für die Weltmeisterschaft war sie von der Arbeit freigestellt.
„Johannas Fahrten haben wir im Livestream verfolgt“, sagt Wolfram Aichner, Bereichsleiter Vertriebsstrategie und Marketing. Angesichts der Erfolge seiner jungen Kollegin findet Aichner, die Einrad-Weltmeisterin hätte längst auch eine besondere Wertschätzung ihrer Heimatstadt Mühldorf verdient: den Eintrag ins Goldene Buch der Stadt.