Rosenheim – Das Gesicht ist tief in die Hände vergraben. Einige Haarsträhnen hängen nass und zerzaust über die Stirn, der Oberkörper der Frau ist weit nach vorne gebeugt. „Geht es Ihnen wirklich gut?“, fragt Christoph Neumayer mit prüfendem Blick. Der Polizeioberkommissar und seine Kollegin, Polizeimeisterin Jessica Memmel, drehen gerade ihre Kontrollrunde übers Rosenheimer Herbstfest. In der Dunkelheit haben die beiden auf einer Bank auf einem Grünstreifen in Richtung Ebersberger Straße eine kleine Gruppe erspäht. Ein Paar hat eine ältere Frau in ihre Mitte genommen, hält ihr einen Schirm über den Kopf, um sie vor dem Regen zu schützen. „Passt schon, sie ist fertig“, antwortet die Begleiterin auf Neumayers Frage.
Niemand soll
verloren gehen
Zufrieden gibt sich der Polizist damit nicht. „Sind Sie gemeinsam da oder haben Sie jemanden verloren?“, will er wissen. Er geht leicht in die Hocke, beugt sich näher zur betrunkenen Frau, überprüft ihren Zustand. „Nein, nein, ich werde gleich abgeholt“, antwortet ihm die Frau. Ihr Oberkörper sackt ein Stück weiter in Richtung Knie, die stöhnenden Geräusche lassen erahnen, wie sie sich gerade fühlen mag.
„Uns ist wichtig, dass sie gut heimkommen und keiner verloren geht“, sagt Neumayer mit ruhiger Stimme, um die Frau zu beruhigen. Und fügt hinzu: „Falls es schlimmer wird, dann…“. „Bitte nicht noch schlimmer, oh mein Gott“, fällt ihm die Frau ins Wort. Sie blickt kurz auf, versichert den beiden Polizisten, dass sie gleich nach Hause geht. Jessica Memmel gibt ihr noch den Tipp mit, dass sie jederzeit zur Wache des Bayerischen Roten Kreuzes schauen könne. Die beiden Polizisten, die für die Wiesnwache am Rosenheimer Herbstfest im Einsatz sind, wünschen der Betrunkenen alles Gute und machen sich wieder auf den Weg.
Besondere Aufmerksamkeit
bei Kindern
Über den Eingang neben dem Johann Auer geht es zurück aufs Herbstfestgelände. Memmel und Neumayer mustern die Wiesnbesucher, die ihnen entgegenkommen. Sie gehen in der Mitte der Gasse neben der Auerbräu-Festhalle, werfen unauffällig Blicke nach links und rechts. Worauf sie genau achten, könne man gar nicht sagen. „Den meisten sieht man es einfach schon an, wenn etwas nicht stimmt“, sagt der Polizeioberkommissar. Auch bei kleinen Kindern seien sie besonders aufmerksam. „Wenn es den Eindruck macht, dass sie nirgends dazugehören, greifen wir ein.“
Nach viel Arbeit sieht es an diesem Abend nicht aus. Die Wiesngassen sind kaum gefüllt, nur wenige Besucher eilen durch den Regen. „Heute ist es sehr entspannt, bei dem Wetter und unter der Woche, aber nicht verwunderlich“, sagt der Polizist. Er greift sich kurz ans Ohr, in dem der Kopfhörer für den Polizeifunk sitzt, hört nach, ob den Kollegen was aufgefallen ist.
Nach einem kurzen Kopfschütteln geht es weiter, vorbei an den blitzenden Lichtern der Fahrgeschäfte, unterschiedlichsten Düften von Bratwurst bis Mandeln oder Stimmen, die einem die beste Karussellfahrt des Lebens versprechen. Aus der Ferne ist „Ein Prosit der Gemütlichkeit“ aus dem Flötzinger-Zelt zu hören. Lust auf das Herbstfest, die verliere man nicht, sagt Neumayer. Trotz der Hunderttausenden von Runden übers Gelände, dem Lärm und den Menschenmassen. „Die Beamten, die hier arbeiten, die lieben es und machen es wirklich aus vollem Herzen.“
Am Autoscooter angekommen, lösen Memmel und Neumayer zwei Kollegen ab. Sie positionieren sich an einem Eck, stellen sich leicht erhöht auf die eiserne Rampe des Fahrgeschäfts. Der Standort – der sei nicht zufällig gewählt. „Von hier hat man den besten Blick auf den Proseccostadl“, erklärt der Polizeioberkommissar. Dort halten sich zur späteren Stunde dicht gedrängt mit am meisten Besucher auf, oft nicht mehr ganz nüchtern. „Die Security gibt uns im Falle ein kleines Signal und wir können schnell und zielstrebig eingreifen“, sagt Neumayer, während er seinen Blick über die Besucher des Stadls schweifen lässt.
Da es an diesem Tag auch dort ruhig zugeht, marschieren die beiden Polizisten weiter. Aufmerksam seien sie immer. „Es kann immer was passieren und man muss zu 200 Prozent bereit sein“, betont Neumayer. Und manchmal braucht’s das auch auf dem Herbstfest. „Zum Beispiel, wenn Gruppen zusammenkommen, zu gewissen Uhrzeiten, da liegt auch mal ein bisschen eine aggressive Grundstimmung in der Luft.“
Meist seien das verbale Streitigkeiten, Gäste, die man voneinander trennen muss. „Das greift das Konzept der Wiesnwache, dass man einfach schnell vor Ort ist und das Ganze einfangen kann, bevor es eskaliert“, sagt Neumayer. Wer sich allerdings grob daneben verhält, bekommt ein Wiesn-Verbot. „Meist dann, wenn gutes Zureden nichts mehr bringt und man aus polizeilicher Erfahrung weiß, dass es kein gutes Ende nehmen wird“, sagt der Oberkommissar.
Einheimische
diskutieren eher
40 solcher Wiesn-Verbote (Stand: 9. September, 21.30 Uhr) haben Neumayer, Memmel und ihre Kollegen heuer bisher schon verteilt. „Das ist ein Positivrekord, normalerweise waren es immer weit über 100 pro Jahr“, sagt der Polizist.
Diskussionen gibt es trotzdem mit den Betroffenen – „die gewinnen aber meist wir, da sitzen wir am längeren Hebel.“ Die Einheimischen diskutieren meist ein wenig mehr. „Wenn die mit der Firma da sind und der Geldbeutel voller Biermarkerl ist, nehmen sie es schlechter auf“, sagt Neumayer und lacht. Tiroler oder Südtiroler, denen sei es eher egal, seien sowieso nur einmal da, komme da als Antwort.
An diesem Abend halten sich bislang alle an die Spielregeln. Neumayer und Memmel drehen dennoch ihre Runden. „Bei einer Runde sieht jeder Besucher mindestens eine Streife“, sagt Jessica Memmel. Es gehe auch um Präventionsarbeit. Den Besuchern durch die Anwesenheit ein gutes Gefühl zu geben. Oder ihnen zu helfen, Freunde wiederzufinden, ein Taxi zu organisieren oder bei kleinen Verletzungen die Erstversorgung zu übernehmen.
Den Besuchern ein
gutes Gefühl geben
An der Auerbräu-Festhalle halten die beiden kurz an, werfen einen Blick ins Zelt – alles ruhig. Vor der Tür sieht Jessica Memmel einen Mann mit einem kleinen Mädchen auf dem Arm. Sie greift in ihre Tasche, holt ein Päckchen Gummibären heraus und gibt sie dem Kind. Die Augen des Mädchens werden groß, ein breites Grinsen. „Das ist das Schöne, wenn man den Kindern eine Freude machen kann und die so strahlen“, sagt Neumayer.
Nach einem kurzen Abstecher zur BRK-Wache und zum Fundbüro – an diesem wurden „erstaunlich“ viele Autoschlüssel abgegeben – geht es für Memmel und Neumayer zurück zur Wiesnwache. Dort erwartet sie bereits der Leiter Thomas Opetnik. Auf einem Monitor an der Wand verfolgt er das Geschehen auf der Wiesn aus neun verschiedenen Kamerablickwinkeln. Auch er stellt fest: „Nichts los heute.“
Am Bildschirm vor ihm klebt ein weißer Post-it mit einer grünen „41“ darauf. „Wir warten auf das 41. Wiesn-Verbot“, sagt Opetnik und lacht. Ihr Zähler sei das sozusagen. Ob die Zahl an diesem Abend noch geknackt wird, bezweifelt er. „Heuer ist es schon eine der ruhigsten Wiesn, an die ich mich erinnern kann“, sagt Christoph Neumayer, bevor er mit seiner Kollegin wieder nach draußen verschwindet, um eine weitere Runde übers Gelände zu drehen.