Seeadler in der Nicklheimer Filze gesichtet

von Redaktion

Dem Naturfotografen Lukas Nagel gelingen in dem Landschaftsschutzgebiet Aufnahmen besonderer gefiederter Gäste

Raubling – Noch liegt ein zarter Nebelschleier über dem Wasser und hüllt das Moor in eine beinahe verwunschene Stille. Langsam erweckt das erste Licht des Tages die Natur zu neuem Leben. „Die goldene Stunde ist ein magischer Augenblick – so, als hielte das Moor für einen Moment den Atem an“, sagt Lukas Nagel. Der 22-jährige Flintsbacher arbeitet als Softwareentwickler. Natur und Fotografie sind seine Leidenschaft. Die Nicklheimer Filzen bieten die ideale Kulisse.

Besondere Atmosphäre
am frühen Morgen

„Die renaturierte Moorlandschaft entfaltet in den frühen Morgenstunden eine ganz eigene Atmosphäre“, beschreibt er. Wenn noch kein anderer Mensch unterwegs sei, nur ein paar Gänse schnatternd den Tag begrüßen und die Sonne mit ihrem warmen Licht wie ein großer, sanfter Scheinwerfer die Natur in Szene setzt.

Im Bereich der Moorstation Nicklheim gibt es mehrere Vogelbeobachtungsplätze. Zwar existiert der Aussichtsturm nicht mehr. Doch auch von der Holzplattform aus hat Lukas Nagel einen weiten Blick auf die Wasserflächen der Koller- und Sterntalerfilzen.

Fotomotive belohnen
das frühe Aufstehen

Die Natur belohnt ihn an diesem frühen Morgen mit besonderen Motiven: Kormorane schlafen auf einem Baum, der von der Sonne beschienen wird. Als es langsam heller wird, brechen sie auf. Im Wipfel einer Birke scheint sich ein Graureiher zu rekeln und breitet die Flügel aus. Stockenten fliegen im Morgenlicht auf.

„Die Highlights dieses Morgens aber waren zwei ganz besondere Greifvögel“, erzählt Nagel. „Ich entdeckte sie in einiger Entfernung, habe sofort die Kamera draufgehalten und versucht, sie zu erwischen.“ Erst als er die Aufnahmen später am Bildschirm genauer betrachtet, wird ihm klar, welch seltene Gäste ihm vor die Linse geraten waren: ein Fischadler und ein Seeadler. Beide Greifvogelarten waren in Bayern bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts ausgerottet. Inzwischen haben sich ihre Bestände wieder erholt. Nach Angaben des Landesbundes für Vogel- und Naturschutz (LBV) gibt es in Bayern inzwischen rund 25 Seeadler-Reviere, die meisten davon in der Oberpfalz. In der Region Rosenheim ist der Greifvogel bislang noch nicht dauerhaft heimisch.

Am Chiemsee hat es allerdings bereits Brutversuche gegeben. „Die nächstgelegenen Brutplätze des Seeadlers befinden sich am Unteren Inn“, sagt Sabine Pröls, Leiterin der LBV-Regionalgeschäftsstelle für Rosenheim.

Doch woher kam der Seeadler im Raublinger Moor? Alte Seeadler sind Standvögel und bleiben in ihrem Brutrevier, wird auf dem Wildtierportal Bayern erklärt. Die Jungen allerdings fliegen zwischen Juli und August aus. Nach dem Verlassen des elterlichen Nestes wandern junge Adler großräumig durch Europa, um Nahrung zu suchen. „Möglicherweise war der Seeadler in Raubling ein Wanderer“, vermutet Sabine Pröls.

Ein neues Seeadler-Revier im Raublinger Moor ist dem LBV nicht bekannt. „Unsere ortskundigen Naturschützer haben bestätigt, dass Seeadler und Fischadler bisher nur Durchzügler und Nahrungsgäste sind“, erklärt Pröls und rät zur behutsamen Naturbeobachtung im Moor: „Es sind störungsempfindliche Arten.“ Deshalb sollten Besucher unbedingt auf den Wegen bleiben – so wie es auch Naturfotograf Lukas Nagel gemacht hat.

Fischadler
sind Zugvögel

Noch seltener als der Seeadler ist der Fischadler. „In weiten Teilen Europas war er ausgestorben“, sagt Pröls. Erst seit 1992 brütet er wieder regelmäßig in Bayern. 2018 zählte die ornithologische Gesellschaft 18 Brutpaare, die meisten davon in der Oberpfalz. „Fischadler sind Zugvögel und verbringen den Winter in wärmeren Regionen“, erklärt Sabine Pröls. Der Fischadler, den Lukas Nagel in Raubling fotografiert hat, dürfte deshalb vermutlich gerade auf dem Weg in sein Winterquartier im südlichen Afrika gewesen sein.

Ein spannender
Lebensraum

„Dass ich zwei seltene Vögel an derselben Stelle entdeckt habe, muss wahnsinniges Glück gewesen sein – und spricht natürlich auch für das Gebiet“, sagt Lukas Nagel. Sabine Pröls bestätigt: „Renaturierte Moore sind ein spannender Lebensraum für viele Arten.“ Auch in den Kendlmühlfilzen habe sie schon Greifvögel beobachtet: Baumfalken und Wespenbussarde etwa, aber auch Habichte, Turmfalken, Mäusebussarde und Rohrweihen nutzen solche Lebensräume. Nun kommen See- und Fischadler hinzu – wie Lukas Nagels Aufnahmen aus den Koller- und Sterntalerfilzen zeigen.

Für Lukas Nagel bekam dieser Morgen etwas beinahe Mystisches. „Das war meine bisher wunderbarste Wildlife-Begegnung“, sagt der Flintsbacher. Als hätte das Moor an diesem Morgen auf ihn gewartet.

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