Das Herz der Welt der Traditionsvereine schlägt hier
Zuverlässig, zeitlos, authentisch: Miedergewand, Kassettl und Miesbacher Joppe.
Warum Trachtler ihr Gewand so lieben: Neubeuern als Beispiel für die Verneigung der Gegenwart vor der Vergangenheit
Neubeuern – Mit diesem Wochenende endet das Münchner Oktoberfest und damit auch die Trachtensaison. Stars und Sternchen waren da in ausgefallenen Dirndlkleidern zu bewundern: in der Zeitung, den sozialen Medien oder im Fernsehen. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Doch es gibt auch noch die andere „Trachtenwelt“, die der Trachtenvereine. Rund 14.000 Mitglieder sind im Trachtenverband Inngau organisiert; jedes Jahr gibt es ein großes Gaufest.
Da wird das Trachtengewand ausgepackt: Kassettl, Mieder, passende Tücher und Schürzen, Hüte, Kropfkette, meterlange silberne Miederketten mit Talern, Lederhosen, Weste, Joppe, Gamsbart, Feder, Blumen nicht vergessen. Manchmal für die ganze Familie. Da kann es an einem Sonntagmorgen schon drunter und drüber gehen, bis jeder sein Zeug beinand hat: das passende „Schmieserl“ um den Hals, die Schürze schön gebunden, die Haare perfekt hochgesteckt. Der Saum darf nicht runterhängen, alle Schuhe müssen poliert, Hemden und Blusen frisch gebügelt sein.
Warum tut man sich
das eigentlich an?
Womöglich wird es heiß oder es könnte regnen – mit oder ohne Schirm, auf alle Fälle wird’s anstrengend. Rund 5.000 Trachtler waren beim diesjährigen Gaufest in Nußdorf dabei: ein knapp vier Kilometer langer Marsch durchs Dorf bei Sommertemperaturen über 30 Grad, und das in voller Montur. Warum tut man sich das an?
Für Wast Mayer aus Neubeuern ist es ein klarer Gegenentwurf zu Jogginghose und Schlabber-Shirt: „Der Trachtenverein bringt dich dahin, wo die Party ist. Vereinsfeste im Dorf, Gaufest, Oktoberfest, Historische Feste.“ Ursprünglich fing es bei ihm mit dem Sammeln an: alte Uhrketten, Silberknöpfe, Hüte. „Über 30 sind es mittlerweile.“ Zum Volkstrachtenverein Edelweiß Neubeuern und Beurer Gwand stieß er durch Zufall; vorher sei er nie bei einem Trachtenverein gewesen. „Das Beurer Gwand ist einfach identitätsstiftend für Neubeuern. Wenn man irgendwo mitgeht, fällt man gleich auf mit den besonderen Hüten.“ Und es gebe dieses Miteinander von Gebirgstracht und Beurer Gwand im Verein. Farben und Zusammenstellung seien sehr individuell. „Jedes Stück ist eine Maßanfertigung, es gibt nix von der Stange. Und wenn ich mich anziehe, schau i einfach richtig guad aus, in eine andere Zeit versetzt.“
Auch die Tracht unterliegt dem Wandel der Zeit
Hannerl Astner ist diplomierte Trachtenschneiderin aus Flintsbach und macht alles, vom Kassettl bis zum Fest-Dirndl. Was ist ihr bei einer Maßanfertigung wichtig? „Die Kundinnen kommen mit ihrem eigenen Stoff und meistens einer genauen Vorstellung zu mir. Meine Aufgabe ist es dann, einen passenden Schnitt zu machen, dass das Dirndl perfekt passt und die Trägerin sich wirklich wohlfühlt.“ Das Einzelstück solle lange Freude machen und deshalb änderungsfreundlich verarbeitet sein. Schließlich verändere sich der Körper; ein maßangefertigtes Gewand sei kein Modeartikel, den man nach einer Saison aussortiere.
Die Grenzen zwischen Tradition und Mode sind fließend, das zeigen auch das Rosenheimer Herbstfest und das Oktoberfest. Ob Modedirndl von Gössl oder Sportalm, Designer-Kleid aus afrikanischen Stoffen oder Leder, ein altes, von der Oma oder Mama aufgearbeitetes Stück, Flohmarktfund oder Maßanfertigung von einer Schneiderin wie Hannerl Astner: Das bleibt jedem selbst überlassen. Das Dirndl wird sich weiter verändern.
Jetzt wird das Trachtengewand erst mal wieder in den Schrank gehängt, Trachtenfeste im Winter gibt es quasi nicht. Bevor etwas Neues herkommt, am besten erst mal schauen, ob’s noch passt, das alte Gwand – schon wegen der Nachhaltigkeit. Vielleicht reichen ein neues „Bscheisserl“ – eine halbe Bluse fürs Dirndl – und eine andersfarbige Schürze für einen neuen Look.
Kassettl, Schnürlhut, Miesbacher Joppe, Kniebundhose und Beurer Gwand bleiben das, was sie sind: zuverlässig, zeitlos, authentisch – gute Tracht eben, bei jedem Wetter. Für Wast Mayer steht das außer Frage!
„Alles fing mit dem Sammeln an“ – Wast Mayer mit Tochter Fanny.
Hannerl Astner (mit ihrem Mann und ihren Söhnen) ist spezialisiert auf maßgeschneiderte Dirndl. „Änderungsfreundlich müssen sie sein.“