Rohrdorf – Wenn auf einer reinen Güterzugstrecke ein Personenzug verkehrt und Rohrdorf sowie Thansau für wenige Tage einen Personenbahnhof bekommen, dann ist Herbstfestzeit. Denn nur in den beiden besonderen Wochen des Jahres verkehrt der Sonderzug, der wegweisend den Namen „Wiesn-Express“ trägt. Seit 2004 gibt es diese einmalige Einrichtung im öffentlichen Personennahverkehr. Betreiber ist Helmut Wiesböck, Geschäftsführer der Logistik Wiesböck GmbH in Kiefersfelden.
Herr Wiesböck, was war das Startsignal für den „Wiesn-Express“?
Bevor wir den Betrieb aufgenommen haben, gab es nur eine unzureichende Busverbindung nach Rosenheim. Meist war man auf das eigene Auto angewiesen und konnte beim Herbstfest keine gepflegte Wiesn-Mass genießen. Der Gleisabschnitt zwischen Rohrdorf und Rosenheim, der eigentlich nur für die Rohrdorfer-Zementwerke genutzt wird, war bereits vorhanden. Dann hatte ich die Gelegenheit, einen ausgedienten Personenwagen zu erwerben. Nachdem die Gemeinde Rohrdorf, örtliche Vereine und viele Bürger ebenfalls Interesse an diesem nicht ganz alltäglichen Verkehrsmittel zeigten, stand für mich der Entschluss fest: Der Wiesn-Express soll fahren! Die Voraussetzungen waren ideal.
Gab es Probleme?
Ja, leider. Das waren aber – Gott sei Dank – keine technischen, sondern mehr emotionale Probleme. Denn einige Busunternehmer sahen in dem Betrieb der Bahn plötzlich einen Mitbewerber, der ihnen zahlende Fahrgäste wegnehmen wollte. Dieses Thema hat sich aber mittlerweile erledigt.
Wie oft fährt der Wiesn-Express?
Wir fahren jeden zweiten Tag um 17.30 Uhr von Rohrdorf nach Rosenheim und gegen 23.45 Uhr wieder zurück. An den Samstagen starten wir schon um 16.30 Uhr. Nach einer Fahrzeit von rund 25 Minuten und einem Fußweg von noch einmal gut zehn Minuten sind die Wiesn-Besucher dann pünktlich zum Reservierungstermin an ihren Plätzen. Nach Wiesn-Ende um 23 Uhr haben alle Fahrgäste noch genug Zeit, gemütlich wieder zum Rosenheimer Bahnhof zu kommen bis es schließlich wieder zurückgeht. Den „Absacker“ gibt es an der zugeigenen Bar.
Wer sind Ihre Fahrgäste?
Jung und Alt. Zunächst kamen unsere Fahrgäste nur aus Rohrdorf und Umgebung. Bald aber schon fuhren viele Bewohner aus umliegenden Gemeinden mit. Mittlerweile hat sich diese Ausfahrt bei Eisenbahnfreunden im In- und Ausland herumgesprochen. Somit ist der Zug zu einer kleinen saisonalen Touristenattraktion in unserer Region geworden. Viele Fans stehen am Bahndamm und fotografieren uns.
Mit welchem Gespann befahren Sie die Strecke?
Als Zugmaschine kommt eine V60 Diesel-Lokomotive mit einem 650 PS starken Maybach-Motor (Baujahr 1959) zum Einsatz. Das ist eigentlich eine typische Rangierlok, wie sie auf größeren Bahnhöfen zu sehen ist, wird aber auch gerne auf Nebenstrecken im Personenverkehr eingesetzt. Der Personenwagen wurde 1958 von der Esslinger Maschinenfabrik hergestellt und wurde zunächst bei der DEBG (Deutsche Eisenbahn-Betriebs-Gesellschaft) eingesetzt, später kam er dann zur SWEG (Südwestdeutsche Eisenbahn-Gesellschaft) nach Bruchsal und fuhr noch bis 2005 bei der RSE (Rhein-Sieg Eisenbahn GmbH). Er bietet unseren Gästen 126 Sitz- und rund 60 Stehplätze.
Wie finanzieren Sie den Betrieb?
Kurz gesagt: Mithilfe von Sponsoren. Ein wirtschaftlicher Betrieb wäre nicht möglich. Mit einem Fahrpreis von 4,50 Euro pro Einzelfahrt kann keine Kostendeckung hergestellt werden. Neben den Betriebs- und Unterhaltskosten für die Lok und den Wagen fallen auch Personalkosten an. Gewinn wollte ich aber auch nie machen. Gemeinsam mit Auerbräu bieten wir ein Kombi-Ticket mit Hin- und Rückfahrt, einer Wiesn-Mass und einer Wiesnbrezn für 14,50 Euro an. Ein Angebot, das gern angenommen wird. An einigen Tagen werden die Fahrtkosten von den einheimischen Unternehmen Rohrdorfer Zement, ORO, Schattdecor, vom Gewerbeverein oder von der Gemeinde Rohrdorf übernommen. Traditionell fährt am ersten Wiesn-Mittwoch Miss Herbstfest mit dem Zug mit. Dann lädt die Gemeinde Rohrdorf alle Familien, Kinder und Gäste zu einer Freifahrt ein.
Wer hilft Ihnen beim Betrieb des Zuges?
In erster Linie sind das die Lok-Führer der Firma INN-Rail, die die notwenigen Zulassungen besitzen, um auf dieser Strecke fahren zu dürfen, Freunde und meine ganze Familie. Selbst übernehme ich gleich mehrere Funktionen und bin Schaffner und Zugbegleiter in einer Person.
Kann man den Zug auch außerhalb der Herbstfest-Saison sehen?
Wir bieten Sonderfahrten an. Mit unserer Mannschaft und unseren Fahrzeugen sind wir in der Lage, alle öffentlichen Strecken zu bereisen und auch spezielle Wünsche für Ausflugsfahrten, Vereins- oder Betriebsveranstaltungen zu erfüllen. Zu unseren Zielbahnhöfen gehörten unter anderem Kitzbühel, Tegernsee oder Salzburg.
Interview Steffenhagen