Kiefersfelden – Im Gemeinderat Kiefersfelden war es erneut Thema: das integrierte städtebauliche Entwicklungskonzept. Seit über 30 Jahren befasst sich die Gemeinde intensiv mit der Sanierung und Entwicklung des Ortskerns und der Gewerbe- sowie Industriebrachen. Im nun vorgelegten Konzept wurden weitere Sanierungs- und Entwicklungsmöglichkeiten betrachtet. Darüber sprach Bürgermeister Hajo Gruber mit der OVB-Heimatzeitung.
Über drei Jahrzehnte läuft der Planungsprozess in Kiefersfelden. Nimmt die Gemeinde Kiefersfelden hinsichtlich der intensiven Beschäftigung mit der Ortsentwicklung einen Sonderstatus ein?
Kiefersfelden hat in den letzten Jahrzehnten einschneidende Strukturveränderungen hinnehmen müssen. Zement- und Marmorindustrie wurden geschlossen und damit eine jahrhundertealte prägende Industriegeschichte beendet. Die Grenze wurde geöffnet, was ebenfalls den Verlust einer Vielzahl von qualifizierten Arbeitsplätzen, aber auch Wirtschaftskraft, man denke nur an die Speditionsbetriebe, mit sich brachte. Dies erfordert eine intensive Auseinandersetzung mit den Chancen und Zielen unserer Ortsentwicklung sowie deren Umsetzungsmöglichkeiten.
Den Erhebungen der Planer zufolge verringert sich der Anteil der älteren Menschen in Kiefersfelden seit der letzten Volkszählung 1987. Jüngere Bürger in der Gemeinde haben andere Ansprüche, wie will man diesen begegnen?
Familienfreundliche Gemeinde, das ist nicht nur ein schöner Begriff, sondern er muss auch mit Leben gefüllt werden. Wir nehmen das sehr ernst, unter anderem, indem wir das Betreuungsangebot für Kinder ganz oben in unserer Werteskala ansiedeln. Wir sind selbst Träger unserer Kindertagesstätten, beschäftigen dort hoch qualifiziertes Personal und haben allein in dieser Periode etwa zwei Millionen Euro in Kindergarten und Kinderhort investiert.
Das Einzelhandelsdefizit im historischen Zentrum wird als Schwäche bezeichnet. Ist aufgrund des hohen Aufkommens an großen Supermärkten ein Gegensteuern überhaupt möglich?
Die Grenzlage macht unseren Ort sehr attraktiv für eine Vielzahl von Einzelhandelsfilialisten, was ja durchaus auch viele Vorteile für die Kieferer mit sich bringt. Trotz dieser großen Konkurrenz gibt es in der Dorfstraße zwar leider nur noch wenige, aber dafür sehr gute, meist inhabergeführte kleine Läden, die mit einem spezialisierten Angebot und guter Beratung wirtschaftlich gesunde Nischen gefunden haben. Erfreulich ist das gastronomische Angebot.
Das Konzept beleuchtet auch neue Gewerbeflächen, etwa zwischen Bahngelände und Bundesautobahn. Der Stand der Dinge in diesem Sondergebiet?
Die Gemeinde verfolgt das Ziel, hoch qualifizierte Arbeitsplätze anzusiedeln. Wir sind aktuell in sehr intensiven Verhandlungen, die allerdings noch nicht öffentlich gemacht werden dürfen. Vorher sind noch wichtige Abstimmungen mit übergeordneten Behörden notwendig.
Besonders gelungen ist das neue Wohngebiet auf dem Betriebsgelände der Marmorwerke. Welchen Stellenwert hat für Sie dieses Wohngebiet im Herzen der Gemeinde?
Es ist für die Gemeinde, aber auch für mich persönlich immer wieder eine Freude, zu sehen, wie hier eine Vielzahl junger Familien eine Heimat in bester Wohnlage gefunden haben.
Neu gestaltet werden soll das Umfeld der König-Otto-Kapelle. Welche Vorstellungen werden hier diskutiert?
Dieses Gebiet stellt den Ortsanfang von Richtung Kufstein kommend dar. Es gibt konkrete Überlegungen, das alte, wenig attraktive, ebenerdige Zollabfertigungsgebäude abzureißen und durch einen architektonisch anspruchsvollen Gastronomiebetrieb zu ersetzen, der mit dem gegenüberliegenden mehrgeschossigen Zollgebäude eine Torwirkung erzeugen soll.
Wurden auch die Außenbereiche und die Ortsteile in die Planungen mit einbezogen?
Speziell der Ortsteil Mühlbach mit dem großflächigen Betriebsgelände der ehemaligen Sensenunion soll neu in die städtebauliche Betrachtung aufgenommen werden.
Sie bezeichnen den Verkehr als die größte Geisel im Inntal. Kiefersfelden ist dabei besonders „geschunden“. Wie sehr prägt dieses Thema das ortsplanerische Konzept?
Grenzkontrollen und Mautausweichverkehr sind keine hausgemachten Probleme. Insoweit muss man auch klar die Verantwortlichkeiten benennen. Die große Politik ist hier gefordert. Die Grenzkontrollen, soweit sie weitergeführt werden sollten, sind so zu organisieren, dass diese nicht zu Ausweichverkehr durch Kufstein und Kiefersfelden führen. Notfalls sind bauliche Änderungen im ehemaligen Autobahnzollamtsgelände notwendig. Auch die Maut, im Übrigen auch die bevorstehende deutsche Maut, muss so organisiert werden, dass Autos auf der Autobahn bleiben und nicht unsere Dörfer verschmutzen.
Interview: Evi Gruber