Dramatischer Kampf gegen multiresistente Keime in Alten- und Pflegeheimen

Das Risiko steigt mit dem Alter

von Redaktion

„Multiresistente Keime nehmen zu.“ Immer wieder warnen Ärzte gebetsmühlenartig vor dieser Gefahr. Doch die Hiobsbotschaft scheint vielerorts auf taube Ohren zu stoßen. Dennoch geben Pflegekräfte und Mediziner den Kampf gegen diese im schlimmsten Fall tödlichen Keime nicht auf. Jetzt wurde darüber beim dritten Hygienetag in Rosenheim diskutiert.

Stephanskirchen/Halfing/Rosenheim – Sehr anschaulich – ausgestattet mit Handschuhen, Einmal-Schürze und giftgrüner Paste – demonstrierte Dr. Hans Mattes, Facharzt für Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie am Romed-Klinikum in Rosenheim, zusammen mit einer Besucherin der Tagung, die sich freiwillig zur Verfügung gestellt hatte, wie schnell Keime überspringen können – trotz Vorsichtsmaßnahmen und Kenntnis der Gefahren! Anhand der giftgrünen Paste – sie veranschaulichte die Keime – wurde für alle Teilnehmer klar, wie rasch Keime an der Stirn oder der Wange anhaften können. Ein einmaliges kurzes Kratzen oder sich ein Haar aus dem Gesicht streichen – das genügt völlig.

Multiresistente Keime, also Keime, auf die kein Antibiotikum mehr anspricht, können blitzschnell sein. Deshalb das Credo des Hygienefachmanns: Richtig Hände waschen! Das heißt, das Desinfektionsmittel mindestens 30 Sekunden einwirken lassen, die ganze Hand inklusive Fingerkuppen, Handrücken und Spreizzone einreiben. „Die Hände transportieren ganz wesentlich die Keime“, erklärt Mattes.

Das besondere Info an seinem sehr realitätsnahen Vortrag zu Standardhygienemaßnahmen in Pflegeeinrichtungen: „Mitarbeiter im Krankenhaus sind geschult, sie sind an den richtigen Umgang mit von Keimen besiedelten Patienten gewöhnt, und sie haben die notwendige Schutzkleidung griffbereit zur Verfügung.“ Wesentlich schwieriger sei oftmals die korrekte und wie Mattes sagt notwendige Handhabung dieses Themas in Senioren- und Pflegeheimen: „Hier treffen die Interessen der Bewohner auf aufwendige Hygienemaßnahmen. Das ist oft ein Spagat“, weiß der Mediziner. Gerade Senioren seien es nicht gewohnt, selbst solche Maßnahmen durchzuführen oder sie an Schwestern zu akzeptieren. „Manchmal fürchten sie sich geradezu vor den vermummten Gestalten und erkennen sie gar nicht mehr“, sagt Mattes, wofür er aus dem Plenum Bestätigung erfährt.

Doch gerade die Resistenzen, also die Unwirksamkeit von Antibiotika gegen Keime, nehmen seit 2005 drastisch zu. Erreichen sie in der „normalen“ Bevölkerung zwischen fünf und sieben Prozent, sind es im Pflegeheim im Durchschnitt zehn bis 15 Prozent. Deutschland sei mit einem Prozentsatz von zehn bis 25 Prozent durchseucht, andere EU-Länder wie Italien und Griechenland in einem noch weit höheren Maß, so Mattes in seinem Vortrag.

Ein echtes Problem komme auf Kliniken zu, sobald ein Pflegeheimbewohner als Patient ins Krankenhaus eingewiesen wird. „Es gibt Fälle, für die wir keine Antibiotika mehr haben. Diese Patienten sind nicht mehr behandelbar“, macht der Mediziner auf die gefährliche Situation aufmerksam. Er fordert deshalb, dass die Pflegeheime die notwendigen Informationen über mit Keimen besiedelte Patienten an die Klinik weitergeben sollten.

Grundsätzlich fordert er, dass in Heimen das Tragen einer Schutzkleidung, die als Dienstkleidung vom Arbeitgeber zu stellen und professionell zu reinigen ist, notwendig ist. Außerdem seien separate Toiletten für MRSA-besiedelte Senioren nötig. Nicht akzeptabel seien große Bäderabteilungen für alle Bewohner sowie tiergestützte Therapien bei Heimbewohnern, die mit multiresistenten Keimen besiedelt sind.

Dass das in vielen Senioren- und Pflegeheimen vorbildlich funktionieren kann, das zeigt der Leonhardihof in Stephanskirchen. „Wir haben Ellbogenspender, Schutzkittel, Einweg-Handschuhe und eine Isolierschleuse – alles zum Schutz für Bewohner mit multiresistenten Keimen und unsere Besucher“, erklärt Heimleiterin Petra Oertel. Bei Keim-Befall laufe ein eingeübtes Krisen-Management ab“, sagt sie. Aber auch sie weiß: „Wir sind nicht im Krankenhaus, hier im Seniorenheim verbringen die Bewohner ihr Leben und wollen nicht isoliert sein. Deshalb möchten wir den Wohncharakter weitgehend erhalten.“ Denn eines sei auch klar: „Die Keime werden von außen eingeschleppt und treffen dann auf geschwächte Senioren.“ Und damit beginne der Teufelskreis.

MRSA

MRSA bedeutet Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus. Bakterien der Art Staphylococcus aureus kommen auf der Haut von vielen gesunden Menschen vor. Zur großen Gefahr können diese Keime für Schwangere, Kleinkinder oder geschwächte Senioren werden. Die Keime sind multiresistent, also unempfindlich, gegenüber den meisten Antibiotika. Meist siedeln MRSA-Keime nur auf dem Menschen, ohne ihn krank zu machen. Oft werden sie durch Gesunde übertragen.

Die Bakterien siedeln sich gerne im Nasenvorhof, Rachen, den Achseln und Leisten an. Erst wenn diese Bakterien über Wunden oder durch Schleimhäute in den Körper gelangen, kann eine Infektion ausbrechen. Da MRSA gegen viele Antibiotika multiresistent sind, kann die Erkrankung einen schweren Verlauf nehmen. Sowohl MRSA-Erkrankte sind ansteckend als auch MRSA-Träger, also gesunde Menschen.

Eine Ansteckung ist ebenfalls über verunreinigte Gegenstände wie Türklinken, Handläufe, Griffe oder Badutensilien möglich. Die Erreger haften sehr gut an Plastikmaterialien und Edelstahllegierungen. Möglich ist auch eine Ansteckung von Menschen nach Kontakt mit besiedelten Nutztieren wie Hunde.

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