Hinterberg – Seit einigen Jahren streift Gerhard durch das Heuberggebiet. Er ist 64 Jahre alt, kommt aus dem Umland von Ebersberg und kennt die Gegend wie seine Westentasche. Auch er ist auf der Suche nach Schätzen. Natürlich nicht nach Gold, wie er sagt, sondern nach anderen Kostbarkeiten, die vorwiegend einen Wert für Sammler und Liebhaber darstellen. Er sucht nach Mineralien.
An den Fund von Gold glaubt er nicht. Aber an jeder Sage sei auch etwas Wahres, vermutet Gerhard. Dass es einst einen Venediger gab, steht für ihn außer Zweifel. Aber der war sicherlich an anderen Schätzen interessiert. Denn im Mittelalter boomte auf der Venedig vorgelagerten Insel Murano die Glasherstellung. Die dortigen Glasmacher brauchten bestimmte Mineralien oder Edelerze für die Glasherstellung, so zum Beispiel Manganoxid, bei Glasherstellern auch als „Glasseife“ bekannt. Mithilfe dieses Minerals konnte die Glasschmelze entfärbt werden. „Das wussten sogar schon die alten Römer und die Venediger-Mandl“, erklärt Gerhard.
Die Venediger waren „kleine Gelehrte“, die ihr Handwerk oftmals im oberitalienischen Bergbau gelernt hatten. Dort erfuhren sie, wie sie durch die Beobachtung der Natur dem Erdinneren auf die Schliche kamen. Dazu gehörten geologische Besonderheiten, Verfärbung des Gesteins, Geruch, Geschmack und Eintrübung von Quellwasser und die Vegetation.
Diese war besonders wichtig, denn an Hand einiger Pflanzen und ihres Wachstums konnten sie auf die Anwesenheit bestimmter Mineralien oder Erze schließen. Sie werden auch Metallophyten, Erzpflanzen oder Zeigerpflanzen genannt. „Für den Fall, dass der Venediger aus der Sage tatsächlich nach Gold gesucht haben sollte, musste er nach Heckenkirschen und Geißblätter (Lonicera) Ausschau halten“, sagt Gerhard. Beides sei ihm bislang im Heuberggebiet aber noch nicht untergekommen. Für Manganoxid gäbe es andere Zeigerpflanzen, wie zum Beispiel schwarzer Holunder oder die Esche. Dies seien aber nur Anhaltspunkte, schränkt Gerhard ein. Nicht überall, wo diese Pflanzen wachsen, seien die Mineralien in der gewünschten Form und Menge vorhanden. Dazu müssten noch andere Parameter passen.
Bei den Venedigern habe es sich also um Prospektoren gehandelt, die auch ausgeschickt wurden, um Lagerstätten zu erkunden. Oftmals fielen sie auch durch ihr Aussehen auf, waren es doch Männer, die vielleicht schon viele Jahre in einem Bergwerk gearbeitet und dadurch eine gedrungene Gestalt angenommen hatten. Damals hatten die Bergleute noch keine Grubenhelme und trugen Zipfelmützen, die ihnen signalisierten, wenn sie mit ihrem Kopf zu nah an die Firste, der Decke in einem Stollen, kamen.
Angeblich schauten die kleinen Gelehrten per Spiegel in denBerg
Sagenumwogen sei auch der Bergspiegel gewesen, mit dem sie angeblich in den Berg hineinschauen konnten, schmunzelt Gerhard und zieht eine Lupe aus der Jackentasche: „Vielleicht war das ja ein Bergspiegel?“ Immerhin kamen die Venediger aus einer Region der Glasherstellung und es wäre durchaus denkbar, dass sie zur näheren Untersuchung von Funden eine Lupe dabei hatten. Auch der Stock, mit dem Venediger in einer anderen Sage am Berg angeklopft haben sollen, damit sich dieser öffnet und sein Gold preisgibt, ist erklärbar.
Dieser Stock, auch Steigerstock genannt, ist das äußere Zeichen für eine Aufsichtsperson im Bergbau und war früher einmal ein Arbeitsgerät der Bergleute.
Außerdem zogen die Venediger gerne Schleichwege vor und vermieden oft den Kontakt zur einheimischen Bevölkerung. Dadurch wirkten sie ihnen geheimnisvoll und unheimlich.
Ob die Venediger im Heuberggebiet fündig wurden, ist Spekulation. In einer anderen Geschichte soll ein Venediger einmal gesagt haben: „Wenn ihr den Wert des Kranzhorns kennen würdet, so würdet ihr vor ihm den Hut ziehen.“ Für eine Almerin war damit klar, dass er nur Gold gemeint haben konnte.
Gerhard hatte bei seiner jüngsten Exkursion am Heuberg kein Glück, seine Taschen blieben leer. Aber er habe schon viele interessante Mineralien entdeckt, wie zum Beispiel Fluorit, Pyrit, Calcit oder fossile Einschlüsse. Wo er diese genau gefunden hat, will er nicht verraten. „Das ist so wie bei Pilzsammlern“, sagt er „man weiß, dass es sie gibt, aber wo, das verrät man nicht.“ Fundorte seien auch kleine Berghalden, die offenbar aus alten Schürfungen stammten. „Um solche Halden im Gelände zu finden, braucht man einen geschulten Blick“, sagt Gerhard. Er kennt mehr vom Bergbau am Heuberg als er verrät. Dazu habe er auch alte Archive durchstöbert und von Streitigkeiten aus der Zeit um 1500 zwischen der Münchner Münze und Samerberger Bauern, die nicht alle Erzfunde aus dem Mühltal abgeliefert hätten, erfahren. „Die waren vielleicht auch hinter Fahl- oder Silbererzen hinterher“, meint der passionierte Mineraliensammler.
Nach den großen Silbererz-Funden in Schwaz boomte die Suche und wurde auf andere Gebiete ausgedehnt. Doch die wenigen Erzlager erwiesen sich dort als unergiebig. So habe man lieber an vielen Stellen gesucht, statt sich kontinuierlich auf eine Stelle zu konzentrieren, vermutet er. Typisch für den hier vorkommenden Wettersteinkalk seien auch die Vererzungen.
Wenn aber jemand in der Region nach Gold suchen wolle, dann müsse er hinunter zum Inn, um dort den Sand zu waschen, da wäre Gold drin, erzählt Gerhard – und damit wiederum auch eine ganz andere Geschichte.