Jonathan Auer aus Schnaitsee bereiste Russland, die Mongolei, Australien und Neuseeland

Mit dem Zelt in die weite Welt

von Redaktion

Nach dem Abitur erst mal ins Ausland – das wünschen sich viele Schulabsolventen, bevor sie ein Studium oder eine Ausbildung beginnen. Viele junge Leute zieht es dafür nach Neuseeland oder Australien, so auch den damals 19-jährigen Jonathan Auer aus Schnaitsee.

Schnaitsee – Nur nach Neuseeland und wieder zurück war ihm nicht genug, weshalb er seine Route kurzerhand erweitert hatte. Sein Plan klingt gewagt: per Anhalter nach St. Petersburg, weiter mit der Transsibirischen Eisenbahn bis in die Mongolei und von da an mit dem Flugzeug über Seoul nach Australien und Neuseeland.

Ausgestattet mit Zelt, Schlafsack, Wörterbuch und Gitarre geht es Mitte September von Schnaitsee aus los. Mit dem ersten anhaltenden Auto fährt er knappe vier Kilometer – bis nach Rumering, ein Gewerbegebiet bei Schnaitsee. Am Ende des Tages ist er jedoch zufrieden mit seiner Leistung, er hat es schon bis nach Prag geschafft. Die Nacht verbringt er in seinem Zelt, es geht weiter, sobald es hell wird. Am zweiten Tag hat der Schnaitseer weniger Glück, er kommt nur langsam voran. „Wie bist du eigentlich auf diese dumme Idee gekommen?“, fragt er sich einen kurzen Moment lang.

Der Unmut hält jedoch nicht lang und seine Neugierde auf fremde Kulturen überwiegt. Mitgenommen wird er von den unterschiedlichsten Menschen – unabhängig von Alter und Beruf. Eines kann jedoch kaum ein Fahrer verstehen: Warum der junge Mann ausgerechnet nach Russland möchte, obwohl er weder Sprache noch Schrift beherrscht.

Das Trampen ist für Jonathan Auer anstrengender als erwartet. Die kurzen Nächte im Zelt, das frühe Aufstehen und das Warten in der prallen Sonne an der Straße gehen an die Substanz. Nachdem er durch Tschechien und Polen gereist ist, erreicht er das Baltikum. Schnell sinken die Temperaturen, in seinem Zelt hat es nachts nur noch fünf Grad.

In Russland angekommen, taucht er ein in eine andere Welt. Nur wenige Russen verstehen Englisch, Kommunikation ist meistens nur mit Händen und Füßen möglich. Vor der Reise hat der damals 19-Jährige aber das kyrillische Alphabet erlernt. Um Zugtickets zu kaufen, schlägt er die notwendigen Wörter nach, schreibt sein Reiseziel auf ein Blatt Papier und legt es am Bahnhof an den Schalter. Nach zwei Nächten in St. Petersburg geht es mit dem Zug nach Moskau. Auer fährt dritter Klasse – „das ist am günstigsten und interessantesten“, findet er. In Moskau bleibt der junge Weltenbummler vier Nächte, auf das Zelt verzichtet er hier. Seine Unterkünfte findet er über eine Couchsurfing-Website, auf welcher Einheimische einen Schlafplatz in ihrer Wohnung anbieten. Sein einziges Kriterium bei der Auswahl seiner Gastgeber: sie müssen Englisch sprechen können.

Nach vier Nächten in Moskau reist der Schnaitseer weiter nach Ekatarinburg, eine Stadt knapp 1800 Kilometer entfernt von Moskau. Von dort aus bewandert er drei Tage lang das Uralgebirge. Obwohl es bereits Mitte Oktober ist, ist das Wetter noch schön – die Nächte aber sind frostig.

Die größte Geduldsprobe steht Auer jedoch noch bevor: Die Zugfahrt in das knapp 3500 Kilometer entfernte Irkutsk. Fahrzeit: ganze 70 Stunden. „Das hat sich dann doch ein wenig gezogen“, witzelt er. Der Schnaitseer hat es jedoch nicht eilig und so vertreibt er sich die Zeit mit dem Schreiben seines Reisetagebuchs, dem Lesen eines Romans und dem Lernen von Russisch. Nach drei Nächten im Zug ist er trotzdem heilfroh, endlich angekommen zu sein.

Als der Pfadfinder wieder festen Boden unter den Füßen bekommt, zieht es ihn in die Natur: zum Baikalsee, dem tiefsten und größten See der Welt. Zwei Tage wandert er an einer Steilküste in Richtung Norden, zwei Tage in Richtung Süden entlang einer alten Eisenbahnstrecke. Trotz seiner Tiefe friert der See im Winter komplett zu, sodass sogar Autos darauf fahren können.

Doch nicht nur die Natur und Kultur Russlands interessieren den jungen Mann, er erkundet auch das russische Nachtleben. Er stellt fest: „Feiern gehen in Russland und in Deutschland unterscheidet sich gar nicht so sehr.“ Gemeinsam mit seinem Gastgeber geht er zum Bowlen, sie rauchen Wasserpfeife und lassen den Abend in der Wohnung ausklingen.

In Ulan Bator in der Mongolei trifft unberührte Natur im Hinterland auf unvorstellbare Bevölkerungsdichte in der Hauptstadt. Dort lebt der 19-Jährige in einer traditionellen Jurte in einem Slum am Stadtrand. Besonders aufregend ist jedoch das Fahren mit den öffentlichen Verkehrsmitteln: „In den Bussen fahren unvorstellbar viele Leute mit, Berührungsängste darf man dabei nicht haben. Wenigstens kann man darin nicht umfallen.“

In der Mongolei ändern sich seine Pläne noch einmal: „Ich habe beschlossen, dass es an der Zeit ist, Sonne zu tanken.“ Seinen Flug nach Auckland in Neuseeland bucht er kurzerhand um, das neue Reiseziel lautet Sydney in Australien.

Dort angekommen empfängt ihn strahlender Sonnenschein – eine willkommene Abwechslung nach minus 30 Grad kalten mongolischen Nächten. Auch in Australien sucht der Pfadfinder die Weite und Freiheit der Natur, wie gewohnt fährt er per Anhalter und schläft in seinem Zelt. Sein Weg führt ihn die Ostküste hinunter bis nach Melbourne. Dort trifft er einige alte Freunde und lernt neue kennen. Nachdem er den Uluru-Nationalpark und Phillip Island besucht hatte, geht es Anfang Dezember weiter nach Neuseeland. So erreicht er nach 80 Tagen das andere Ende der Welt.

Bruder Pascal

zu Besuch

„Ich wusste, jetzt muss ich wieder Geld verdienen“, so Auer. Für die nächsten vier Wochen arbeitet er in einem Café direkt am Strand – so lässt es sich aushalten. Nach den ersten Wochen in Neuseeland erwartet ihn ein freudiger Besuch: Sein Bruder Pascal. Gemeinsam bereisen sie die Insel und sind von der Vielfältigkeit der Insel überwältigt – „besonders beim Trampen lernt man nicht nur das Land, sondern auch die Kultur kennen“, berichtet der Schnaitseer, der eine Ausbildung zum Physiotherapeuten mit integriertem Studium in Rosenheim vor Augen hat.

Als sich die 226-tägige Reise dem Ende neigt, freut er sich trotz der vielen Erfahrungen auf seine Heimat. „Daheim ist es halt doch am schönsten“, das weiß auch Jonathan Auer. Eins ist jedoch klar: Die letzte Reise war das bestimmt nicht. Hubert Auer, der Vater des jungen Mannes, freut sich über die Abenteuerlust seines Sohnes. „Passieren kann ihm daheim auch etwas.“

Auf die Frage, was er aus seinem Abenteuer mitgenommen hat, antwortet er: „Ich finde, viel mehr Leute sollten unseren Planeten bereisen. Dann würden sie merken, dass wir letztendlich überall auf der Welt gleich sind, wir sind alle nur Menschen.“

Artikel 1 von 11