Raubling – Mit diesem letzten „Abschiedslolli“ läutete die vierköpfige Familie dann aber tatsächlich den bewussten Verzicht auf Plastik und anderen Verpackungsmüll ein und auch ihre beiden Töchter, Amelie (5) und Isabella (6), machten mit – nachdem sie ihre Lollis mit Genuss gelutscht hatten.
„Wir sind uns sehr wohl dessen bewusst, dass einiges von dem, wie wir Reisen und Leben ohnehin Müll produziert: Unser Auto ebenso wie das technische Equipment, das wir an Bord hatten“, erklären die Wangers selbstkritisch. Trotzdem wollten sie im Urlaub so weit wie möglich auf Verpackungen und Plastik verzichten. Es mussten also Geschäfte ausfindig gemacht werden, die ihre Waren weitestgehend verpackungsfrei anbieten. „Oft ist so etwas auf Bauernhöfen möglich“, weiß die Raublingerin inzwischen und ihr Mann ergänzt: „Spezielle Unverpackt-Läden, die ihre Ware zum Selbst-Abfüllen anbieten, gibt es bereits in einigen Städten.“
Mehr Sprit durch zusätzliches Gewicht
Wie wird es uns gelingen, unser Reiseexperiment in den Alltag zu integrieren? Werden wir uns das zeitlich und finanziell leisten können? Welche Änderungen müssen wir an unserem bisherigen Lebensstil vornehmen, um das realisieren zu können? Und wie kommen wir mit den Lebensbereichen zurecht, in welchen Plastik, Konsum und Verpackungen auch für uns kaum oder sogar gar nicht vermeidbar sind? Fragen über Fragen. Die Herausforderung bei dieser Reise bestand allerdings vor allem darin, dass die Familie nicht wusste, wann sie den nächsten Laden finden würde. Eine weitere Schwierigkeit bestand darin, dass im Campingbus nicht grenzenlos Vorräte gehortet werden konnten. Jedes zusätzliche Gewicht verursachte mehr Spritverbrauch und den wollten die Wagners so gering wie möglich halten.
„Es war ein Experiment, bei dem wir uns selbst an der Nase packen mussten“, beschreibt es die 39-Jährige. „Wie müssen wir heute konsumieren, um morgen noch leben zu können?“, diese Frage stellten sich die Eltern täglich. Unvorstellbar für sie, einfach „normal“ weiter zu leben, wo doch längst bekannt ist, dass das Übermaß an Konsum der Erde und den Menschen nicht gut tut.
„Seit wir als Familie von dem Ernst der Lage um unsere Erde wissen, geht uns der Gedanke nicht mehr aus dem Kopf. Wir sind Eltern von zwei kleinen Kindern. Die beiden stehen symbolisch für alle nachkommenden Generationen, die unsere Erde bereit und fähig ist, noch zu tragen“, erklärt Michael Wanger seine Motivation. Gemeinsam mit seiner Frau wollte er herausfinden, wie sie mit der Erde respektvoll, achtsam und wertschätzend umgehen könnten. Ihre Deutschlandreise wurde so zu einer Entdeckungsreise: Jeden Tag entdecken sie für sich neue Möglichkeiten, wie sie nach ihren Idealen leben könnten. „Mit unserer Reise und weiteren Aktivitäten wollen wir auch andere dazu ermutigen und inspirieren, jeweils für sich selbst zu entdecken, welche Möglichkeiten sie haben.
Kritik an Kaffeebechern
Müllentsorgung ist in ihren Augen löblich. Dennoch ist die Vermeidung für die Wangers der wichtigere Schritt. So vieles ließe sich vermeiden, glauben sie. In Bremerhaven stellt Franziska Wanger beispielsweise fest: „Ein ‚Coffee to go‘-Becher, der mitten auf der Straße lag, erinnerte mich an die Diskussion um die Millionen von Bechern, die allein in Deutschland jedes Jahr zu Müll werden. Der ‚Straßenkaffee‘ wurde vom Nutzer dieses Bechers wohl etwas zu wörtlich genommen.“ Fragwürdig findet sie aber nicht nur diesen einen Becher, sondern auch jeden einzelnen Joghurtbecher, Wegwerfwindeln, Lippenstift-Hüllen, Chipstüten und Eisbehälter. „Warum wird über diese Verschwendung nicht geschrieben“, fragt sie sich.
Und dann die Hafenrundfahrt: „Beim Anblick all dieser Autos, Lkw, Maschinen und Container, die über das Meer an- und abtransportiert werden, wird uns fast schwindelig. Irrsinnig große, gigantische Schiffe sorgen dafür, dass all diese Ware hin und her transportiert wird“, finden die Eltern.
Das krasse Gegenteil erleben sie in verpackungsfreien Läden, die sie auf ihrem Weg aufsuchen. Dort herrsche genauso wie in vielen Biomärkten und Hofläden herrliche Ruhe, beschreiben sie. Einkaufen ohne Hektik. Keine piepsenden Kassen. „Auch als Kunden kommen wir dort zur Ruhe, weil es etwas geruhsamer zugeht, wenn man die Ware selbst abpackt, als einfach eine Plastikpackung aus einem Regal in den Einkaufswagen zu werfen“, erklärt Michael Wanger.
Seit ihrer Reise hat sich viel verändert. „Wir kaufen noch besonnener ein; überlegen noch mehr, was wir wirklich benötigen und was nicht; wir genießen unser Essen auch viel bewusster und werfen nichts weg“, beschreibt es der Familienvater. Reste werden am nächsten Tag gegessen, eingefroren oder weiterverarbeitet.
Die Wangers hätten beide nicht gedacht, dass ihr Experiment so tiefe Spuren hinterlassen würde – obwohl sie schon lange vorher auf bewussten Konsum bedacht waren. „Freilich war es manchmal unbequem“, gibt Franziska Wanger zu. „Manchmal dachte ich mir schon ‚Mei, wär‘ das jetzt praktisch, einfach ein Tomatenmark aus der Tube zu kaufen.‘“ Doch wenn sie heute in einen dieser „normalen Supermärkte“ hineingeht, dann weiß sie, warum sie diesen Aufwand betreibt. Für ihre Familie will sie eine Zukunft und deshalb auf die Erde achten, beschreibt sie ihre Motivation.
Unachtsamer Konsumstil
„Wir dürfen das Privileg genießen, heute noch aus dem Vollen schöpfen zu können. Doch die Zeit, die Erde, der Mensch befinden sich im Wandel. Mit der rasant wachsenden Erdbevölkerung, dem unachtsamen Konsumstil und dem verschwenderischen Umgang mit Lebensmitteln kommen wir künftig nicht weiter. Es muss ein kollektives Umdenken geschehen. Zu diesem Wandel gibt es keine Alternative“, glaubt sie. Dafür setzt sie sich ein.