Höslwang – In jeder ersten Woche im Monat steht’s in der OVB-Heimatzeitung: Samstag Abend Treffen des Pinselclubs in Höslwang. Mancher Leser überlegt: Da es ein offenes Treffen zu sein scheint, könnte man ja mal hingehen. Aber wie soll man sich vorstellen? Eine Arbeitsmappe zusammensuchen von dem, was man selber zeichnet? Oder ist das zu aufdringlich? Nur Malzeug mitnehmen? Vielleicht zu voreilig. Man weiß ja nicht, ob sie einen überhaupt teilnehmen lassen. Bloß so hingehen? Auf die Gefahr hin, dass die anderen malen und zeichnen und man selbst dann nur so rumsitzt?
Für alle, die sich in ähnlicher Lage befinden, kann man nur raten: Malzeug und Arbeitsmappe ruhig zuhause lassen, dafür gute Laune mitnehmen und etwas Appetit kann auch nicht schaden. Der Pinselclub hat mit Malen und Zeichnen nämlich ungefähr ebenso viel zu tun, wie die Stallhaltung von Kühen mit der Uhrmacherei: rein gar nichts. Es ist ein Stammtisch von etwa vierzehn Leuten, die sich allmonatlich treffen um zu ratschen, ein bißchen was zu essen, vor allem aber um Gaudi zu haben. Das übrigens schon seit so langer Zeit, dass es den Mitgliedern ergeht wie manchen altgedienten Ehemännern beim Hochzeitsdatum: Auf die Frage, wie lange es den Club schon gibt, folgt längeres Schweigen und dann durchaus verschiedene Antworten: 1968? 1970? 1973?
Mehr Einigkeit besteht über die Herkunft des Clubnamens: Am Anfang stand der spontane Wunsch, – manche Mitglieder sagen: die Schnappsidee, aus einer lockeren Stammtischrunde etwas Festeres zu machen. Das geht am besten, wenn man einen Namen und einen verbindenden Zweck hat. Wenn es gerade keinen anderen gibt, ist zumindest in Altbayern ein sogenannter Stopselclub immer eine passende Lösung.
Bei einem Stopselclub bekommen alle Mitglieder einen kleinen Gegenstand, der ein Stopsel sein kann, aber keinswegs muss. Diesen Gegenstand sollte man dann als Mitglied tunlichst jeden Tag bei sich führen, denn wenn sich zwei Mitglieder treffen, wird der reaktionsschnellere als erstes das Vorzeigen des Gegenstandes verlangen. Kann ihn das Gegenüber nicht vorweisen, ist ein Beitrag in die Clubkasse fällig, aus der dann Ausflüge oder kleinere oder größere Feiern finanziert werden können.
Der Stopsel ist in diesem Fall ein Pinsel
Im Falle des Pinselclubs war nicht nur die Idee zum Verein spontan, sondern auch die Wahl des Gegenstandes. Der mittlerweile schon verstorbene Max Sulzberger, der die Idee zu diesem Stopselclub gehabt hatte, war Anstreicher und hatte an jenem Tag zufällig eine größere Menge kleiner Anstreicherpinsel im Auto – Werbegeschenke die er wohl von einem Farben- oder Pinselzulieferer erhalten hatte. Die konnte er nun einem vernünftigen Zweck zuführen und verteilte sie an die damals anwesenden sechs Stammtischmitglieder. Damit hatte der Club seinen „Stopsel“ und auch gleich seinen Namen: Pinselclub.
Nun braucht ein Club, der Geld einsammelt, jemand, der dieses verwaltet und der war ebenso so schnell gefunden: Wie Angela Baumgartner erzählt wurde sie buchstäblich im Handstreich zur „Vorständin“ gemacht. Sie, die heute noch eine elegante zierliche Dame, wurde damals – am 20. August 1970 – von Max Sulzberger kurzerhand gepackt und auf den Tisch gehoben, bekam an die seitlichen Knöpfe ihres Rocks je einen Pinsel gehängt und war mit den Worten „Da hamma unsern Vorstand“ im Amt.
Vorstand war Angela Baumgartner war dann 20 Jahre lang, hatte es am Anfang mit ihrer Aufgabe jedoch nicht leicht. Die gebürtige Zwickauerin, die mittlerweile längst akzentfrei bayrisch sprechen kann, hatte damals oft noch Schwierigkeiten ihre Clubmitglieder zu verstehen. „Was host gsogt?“ war somit eine der ersten wichtigen Redewendungen, die sie erlernte.
Eingewöhnung brauchte es für sie auch in manche örtlichen Gepflogenheiten. So erinnert sie sich, dass sie in aller Unschuld einen Clubausflug auf den Fronleichnams-Sonntag verlegte. Ein Umstand, den ihr der örtliche Pfarrer lange verübelte: Fehlten ihm an diesem Tag doch nicht nur ein Teil seiner Gläubigen, sondern gerade auch diejenigen, die sonst in der Gemeinde und im Chor recht aktiv gewesen waren.
Das zeigt aber auch, dass die Ausflüge – von einem bis zu drei Tagen – zu den jährlichen Highlights des Clublebens zählten. Man war über die Jahre nicht nur in ganz Deutschland unterwegs, sondern auch in Österreich und in der Schweiz.
Es gab sogar schon eine Warteschleife
Nicht zuletzt die Ausflüge, finanziert aus dem Monatsbeitrag von fünf Mark, dem „Stopselgeld“ und einer Weihnachtsversteigerung, machten den Club so begehrt, dass es eine Zeit lang Wartelisten gab: Mitglied werden konnte man nur, wenn jemand Anderes ausschied – man wollte die Mitgliederzahl schon allein deswegen unter fünfzig Personen halten, um den Verein nicht eintragen lassen zu müssen.
Auch heute gehören die Ausflüge noch zu den Höhepunkten des Clubjahres, wenn es auch meistens nur noch Tagesreisen sind. „Wir sind“, sagt Professor Wolfgang Prenntzell, auch er ein Urgestein des Clubs, „halt jetzt einfach in einem Alter, in dem jene Ausflüge immer attraktiver werden, bei denen die abendliche Rückkehr ins eigene Bett garantiert ist“.
Überhaupt gibt es wohl selten Clubs oder Vereine, die es schaffen, mit ihren Mitgliedern älter zu werden und sich in diesem Wandel doch selber treu bleiben: Zwar gibt es mittlerweile keine Vereinskasse mehr, weshalb auch das Mitführen des Pinsels nicht mehr notwendig ist, von dem die meisten eh nicht mehr wissen, wo der ihre abgeblieben ist, aber der Zweck, einmal im Monat eine feste Anlaufadresse für Spaß und Unterhaltung zu haben, ist geblieben.
Fünfundreißig Mitglieder zählt der Club, ein gutes Dutzend in wechselnder Zusammensetzung trifft sich jeden ersten Samstag abwechselnd in einem Wirtshaus in Höslwang, Sonnering oder Almertsham.
Übrigens: Wer Lust auf einen solchen Stammtisch hätte, ist herzlich willkommen und darf sich, so die Clubmitglieder, auch ohne Pinsel zu der Runde dazugesellen. Gute Laune wäre ein willkommenes Mitbringsel.