Bad Endorf/Halfing – Flexibilität ist ein entscheidender Begriff in der heutigen Arbeitswelt. Während Arbeitnehmer noch vor Jahrzehnten in der Regel in der Nähe ihres Heimatortes eine Anstellung fanden, sind immer mehr Bürger bereit, für eine erfüllende und lukrative Beschäftigung auch in weit entfernte Regionen zu ziehen. Zurück bleiben oftmals nicht nur Freunde und lebende Verwandte, sondern auch verstorbene Angehörige, die in den heimischen Friedhöfen ihre letzte Ruhe gefunden haben.
Eine Tatsache, die unter anderem auch die Steinmetzbetriebe in der Region zu spüren bekommen haben. „Viele Menschen lassen, weil sie zu weit weg wohnen oder keine Zeit für die Grabpflege haben, ihre verstorbenen Verwandten in Urnengräbern oder anonymen Grabstätten beisetzen“, weiß Steinmetz Erich Wieser aus Hartmannsberg bei Bad Endorf. Die Folge: Grabsteine, die Wieser noch individuell und nach alter Handswerkskunst anfertigt, sind immer weniger gefragt.
Ein Trend, den der Hartmannsberger nicht nur aus finanzieller Sicht bedauert. Denn Angehörige, die sich beispielsweise bewusst gegen ein festes Grab entscheiden und die Asche ihres verstorbenen Angehörigen beispielsweise auf einer Schweizer Wiese verstreuen lassen, würden bei ihrer Entscheidung vergessen, dass auch andere Menschen – Freunde, Nachbarn und Arbeitskollegen – um den Menschen trauern wollen. „Doch dazu gibt es für sie kein Ort mehr“, befürchtet Wieser.
Erfahrungen, die Simon Kreuzpointner, Steinmetzmeister im Halfinger Steinmetzbetrieb Penzkofer, bestätigen kann. „Viele können oder wollen sich nicht um die Pflege einer Grabstätte kümmern“, weiß der Steinmetzmeister, „daher wählen immer mehr Menschen kleinere Gräber für ihre Angehörigen.“ Zwar gäbe es in alteingesessenen Familien noch größere Grabstätten mit teilweise jahrzehntealten Grabsteinen, aber: „Gefühlt geht der Trend weg vom Familiengrab.“
Doch nicht nur der zeitliche Faktor, auch der finanzielle spielt bei der Bestattungsart sowie der Größe eines Grabes und des Grabsteins für viele Familien eine wichtige Rolle. So sind die Grabplatten für Urnengräber nach Angaben von Wieser bereits für unter 1000 Euro zu haben, für Einzelgräber werden beim Grabstein zwischen 3000 und 4000 Euro fällig. Wer einen individuellen Grabstein für ein Familiengrab sucht, ist nicht selten mit 10000 Euro für die handwerkliche Arbeit eines Steinmetzes dabei. Und auch deutlich mehr, wie Wieser zu verstehen gibt: „Die Preise sind, je nach Aufwand und den Wünschen, nach oben offen.“
Jüngst hat der Steinmetzmeister beispielsweise einen Auftrag für den Grabstein eines verstorbenen evangelischen Pfarrer übernommen, der keineswegs als Standardwerk bezeichnet werden kann. Denn in den Grabstein wurde ein schmiedeeisernes Kreuz eingearbeitet, das einen ganz besonderen Bezug zu dem Geistlichen hat. Es entstammt dem Eisentor vor einer Kirche, in der der Pfarrer regelmäßig gepredigt hatte.
Für den Hartmannsberger Steinmetzmeister ein passendes Beispiel dafür, dass Menschen, die sich bewusst für ein Grab mit Grabstein entscheiden, wieder mehr Wert auf Individualität legen und beim Kauf nicht nur auf Schnäppchen aus sind. „Ich habe schon das Gefühl, dass wieder mehr Menschen erkennen, dass sie sich mit einem Grabstein für nichts Kurzlebiges, sondern für ein wertvolles Stück für mehrere Generationen entscheiden.“
Steinmetzmeister Kreuzpointner, der nach eigenen Angaben mit individuellen Wünschen für die Grabsteingestaltung meistens beim Tod von jungen Menschen konfrontiert wird, rät allen Trauernden, sich Gedanken darüber zu machen, wie die Persönlichkeit eines Verstorbenen in der Grabsteingestaltung Einfluss finden kann. „Trauernde Angehörige sollten sich trotz der Trauer unbedingt damit auseinandersetzen“, findet Kreuzpointner, „denn das ist ein wichtiger Teil der Trauerarbeit.“
Eine Einschätzung, die Wieser nur unterstützen kann. Denn gerade in Zeiten von Online-Gedenkseiten und -Trauerportalen sei die Grabstätte als Ort der Trauer von unschätzbarem Wert: „Schließlich sind Trauer und Emotionen nicht digital.“